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Dichte Lesung - angeregtes Gespräch in Laa an der Thaya PDF Drucken E-Mail
thumb_lesung_laa_4505Freitag, den 16. Oktober hat der Herbst, scheint ´s, Treppensteigen gelernt. Jedenfalls im TCM Center in Laa a. d. Thaya hat er in seinem berauschendsten Pastell Einzug gehalten. Eine Schar Literaturbegeisterter freut sich die buntlaub-geschmückte Stiege empor, durch einen weinglasglitzernden Vorraum hinein in den mit aromatischen Düften gefüllten Raum, dem erwarteten Ereignis entgegen.

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thumb_lesung_laa_4504 Heide Breuer und Haimo Handl werden lesen. Das Ambiente atmet Herbst. Die Zuhörer ihrerseits halten den Atem an. Heide Breuer macht den Anfang. "…Allah, warum hast Du mich nicht als Ameise erschaffen …" Irgendwo im gewählten Textausschnitt fällt dieser Aufschrei eines jungen Kurden, der von den Machthabern des Landes, in das er geboren ist, gefoltert wird. Für den Rest ihrer Lesung bleibt dieser Aufschrei über den weiteren Zeilen schweben, akzen-tuiert die Tragik politischen Hasses, gnadenloser Unterdrückung ethnischer Minderheiten. Eine fiktive Handlung führt die ZuhörerInnen mitten in brisante Zustände der Gegenwart. Man spürt, dass sich die Erzählkraft der Autorin von eigenem, hautnahem Erleben und einer genauen Kenntnis der Gegenden und Umstände nährt, die sie beschreibt. Ein mitnehmender Inhalt, ein ansprechender Vortrag. Es ist mehr als "Fernsehen im Kopf" - viel mehr.

thumb_lesung_laa_4506 Dafür sorgt auch der Rahmen dieser Veranstaltungen, bei denen Backstagefeeling pur aufkommt, man nicht nur Texte vorgestellt bekommt, sondern auch das "Making of", die Vorzüge und Nöte des Schreibens.

Heide Breuer plaudert gern aus der Schule. Ein türkischer Lektor wird ihren Türkei-kritischen Text prüfen. Inzwischen gibt es vorsichtige Annäherungen zwischen jenen Gruppen, deren Konflikte in ihrem Buch noch auf Höhepunkte zusteuern.
thumb_lesung_laa_4507 Wird die Publikation zu lange hinausgezögert werden? Gibt es verhandelbare Punkte, vertretbare Kompromisse …? Das Gespräch mit der Autorin wird genossen und schafft genug Pause, um sich mit neuer Konzentration dem zweiten Vortrag zu widmen.
thumb_lesung_laa_4509 Haimo Handl liest einige seiner pointierten Betrachtungen vor. Die Verlusttrauer, die dem Vergessen hinterher folgt, so es als Vergessen bewusst, also der Akt des Vergessens erinnert wird, ist Bestandteil einer köstlichen Abhandlung, die zwischen Satire und ernsthafter Auseinandersetzung meandert. Oder mündet schonungslose Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen zwangsläufig in Satire, in jene feine Selbstironie, die rechtzeitig Distanz zur Ernsthaftigkeit schafft, noch ehe der Ernst bitter werden kann?
thumb_lesung_laa_4513 Jedenfalls gelingt es dem Autor, hinter der geschliffenen Präzision den Schalk spüren zu lassen - und hinter vordergründigem Witz wieder Problematiken mit Tiefgang. So macht die erfundene Therapeutin lachen, die ihrem Klienten buchstäblich unter die Haut geht - mit Werkzeugen ähnlich denen einer strengen Kammer und schließlich mit den eigenen Fingernägeln. Die therapeutische Situation wird zur ersehnten Folter, voll geistreicher Pointen, Persiflage und Erotik. Eine Satire wie eine Sonde ins Un- und Vorbewusste. Hinterher dämmert dem Zuhörer, warum er gelacht hat - und zwar so, dass er schon wieder fürchtet, es wirklich zu erkennen.
thumb_lesung_laa_4516 Kein Wunder, dass der Abend nach so viel anregendem Stoff in einer Diskussion ausklingt, die nur ungern zu später Stunde beendet wird. Und alles hat ehrlich empfundenes Mitleid mit den vielen, die diesmal nicht gekommen sind. Sie haben sich um einen Kulturgenuss gebracht, der nicht nachzuholen ist. Hoffen wir, dass sie ihr Versäumnis zu vergessen vermögen. Aber halt, dann steht ihnen ja wieder die Trauerarbeit am Verlust der Erinnerung ihres Versäumnisses bevor. Tja - es wäre wohl wirklich viel besser gewesen, sie wären gekommen.
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Driesch Verlag: Lesung im TCM Center, Raiffeisenplatz 1, 2136 Laa an der Thaya am Freitag, 16.10.09 19 h, mit Heide Breuer und Haimo L. Handl

Franz Blaha, Wien

 
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