Rezension von Maria Hammerich-Maier PDF Drucken E-Mail

Egerer Theatergeschichte - Historie chebského divadelního života von František Hromada

Der „Egerer Theatergeschichte" ist auf den ersten Blick anzusehen, dass sie aus einem besonderen Anlass entstand. Sie ist ein repräsentatives Werk für den Wohnzimmerschrank. Das 472 Seiten starke Buch im Großformat ist auf Glanzpapier gedruckt und reich bebildert. Und tatsächlich ist das Werk des ehemaligen Theaterdirektors František Hromada mit einem Jubiläum verbunden: das einstige Eger bzw. das heutige Cheb hat es sich zum 950. Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt, den man in diesem Jahr feiert, selbst zum Geschenk gemacht.

Über drei Jahrzehnte ist Hromada mit dem Westböhmischen Theater zu Eger, so der offizielle Name, schon verbunden. Er wirkte vom Beginn der achtziger Jahre an als Schauspieler und später auch als Regisseur am Theater. Von 1991 bis 1999 war er dessen Direktor. Seither verfolgt er das Theaterleben in Eger als kritischer Beobachter im Ruhestand.

Der Stil und Aufbau des Werks spiegeln diese enge persönliche Verbundenheit des Autors mit dem Theater wider. Die Geschichte des Egerer Theaterlebens wird als eine Pilgerfahrt dargeboten, womit der Autor in die Fußstapfen eines Großen der tschechischen Geistesgeschichte tritt, Johann Amos Comenius, dessen klassische Trostschrift „Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens" ebenfalls als Pilgerfahrt konzipiert ist. František Hromada geleitet die Leser von Ereignis zu Ereignis, von Jahrhundert zu Jahrhundert. An manchen Stellen spricht er sich direkt an, als ob sie an seiner Seite wanderten, und weist durch eine persönliche Bemerkung auf ein Ereignis besonders hin. Das Buch beginnt mit einem Prolog und endet mit einem Epilog, die einzelnen Hauptkapitel und Unterkapitel sind in faktographische Teile und graphisch abgesetzte Intermezzi gegliedert. Das Werk gleicht also im Aufbau einem Bühnenstück. In den faktographischen Abschnitten werden die am Egerer Theater aufgeführten Titel, die Künstler und wichtige Ereignisse chronologisch verzeichnet. Die Intermezzi lassen in Pressekritiken, Zitaten aus der Fachliteratur oder den Theaterprogrammen sowie Erinnerungen von Künstlern viele Stimmen zu Wort kommen, die dafür sorgen, dass die Egerer Theatergeschichte unter den verschiedensten Gesichtspunkten dargestellt wird.

Das Panorama der Egerer Theatergeschichte reicht vom frühen 15. Jahrhundert bis zur Spielzeit 2010/2011. Prägend für das Theaterleben war die Lage Egers im Grenzgebiet zwischen Böhmen und Bayern. Die frühesten Siedler in historischer Zeit waren Slawen. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert war Eger im Besitz der Staufer und kam erst nach deren Aussterben im 13. Jahrhundert unter böhmische Hoheit. Deutsche, tschechische und jüdische Einflüsse bestimmten die Kultur der Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg. Das Theater griff die literarischen Strömungen Mittel- und Westeuropas auf, es richtete sich an Prag und Wien aus, bezog jedoch auch aus Deutschland wichtige Impulse.

Im frühen 20. Jahrhundert machten die Tschechen nur gut ein Zehntel der Bevölkerung aus. Durch den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung schrumpfte die Bevölkerung von 45.000 auf unter 15.000 Menschen,  heute hat die Stadt wieder doppelt so viele Einwohner, darunter auch größere Gruppen von Vietnamesen und Roma. Durch die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs, den Holocaust und die Zwangsaussiedlung riss die örtliche Kulturtradition gänzlich ab. Eger büßte seine in Jahrhunderten gewachsene kulturelle Identität ein. Die Neuansiedler, die zumeist aus dem tschechischen Binnenland, der Slowakei und der ethnischen Minderheit der Roma stammten, hatten keine Beziehung zur Vergangenheit der Stadt. Cheb, wie es nun hieß, wurde zu einer Bastion der kommunistischen Tschechoslowakei an der Grenze zum feindlichen Westen abgestempelt. Die Menschen standen ähnlich wie in den übrigen grenznahen Orten unter ständiger Beobachtung, das Leben war unfrei, die Kultur unterlag einer strengen Zensur.

1961 öffnete das Theater wieder die Pforten, nun als tschechische Bühne. Die Theaterleitung schaffte es allmählich trotz der widrigen Umstände, sich Spielräume für ein freies Bühnenschaffen zu erkämpfen. Und so wurde Cheb in der düsteren Zeit der „Normalisierung" (wie sie die Machthaber zu nennen beliebten) in den 1970er und 1980er Jahren allmählich ein Zufluchtsort für einige der besten tschechischen Theaterschaffenden, die in Prag und den anderen größeren Kulturzentren der Tschechoslowakei nicht geduldet wurden. Diesem glücklichen Umstand zum Dank erlangte das Egerer Theater eine überregionale Strahlkraft und wurde später in den entscheidenden Tagen und Wochen der Wende, der so genannten „Samtenen Revolution" vom 17. November 1989, das zentrale Forum der demokratischen Kräfte der Region. František Hromada war damals in vorderster Linie mit dabei, er beschreibt die Ereignisse der Wende eingehend.

Die Entwicklung der Nachwendezeit war nicht frei von Spannungen, Enttäuschungen und Rückschlägen. 1997 verwüstete ein bis heute nicht aufgeklärter, vorsätzlich gelegter Brand das Theater. Nur zögerlich keimten in der Nachwendezeit auch Ansätze, wieder an vorkommunistische Traditionen anzuknüpfen. Hromadas Buch ist, das darf ohne Übertreibung behauptet werden, die mit Abstand bedeutendste Leistung in dieser Richtung.

Das erste Kapitel, die „Egerer Theatertradition vom 15. bis 18. Jahrhundert", beginnt mit dem ältesten erhaltenen Szenarium, dem „Egerer Fronleichnamsspiel", das dem Typ nach ein Passions- und Auferstehungsspiel war und zwischen 1442 und 1517 immer wieder aufgeführt wurde. Danach werden die Volksschauspiele und das Schultheater der Jesuiten beschrieben. Die Wanderbühnen, die im 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Stadt und im Umland von Eger gastierten, bilden den Gegenstand des folgenden Kapitels. Manche Truppen gelangten aus weit entfernten Gebieten Altösterreichs oder aus den benachbarten deutschen Ländern nach Eger. So zum Beispiel ist in der „Egerer Theatergeschichte" nachzulesen, dass zur Zeit der Napoleonischen Kriege die Truppe eines reisenden Theaterdirektors namens von Weber in Eger gastierte, der auch in Karlsbad und in Ansbach wirkte. Laut Hromada handelte es sich um den Vater des Komponisten Carl Maria von Weber. Dieser hieß allerdings Franz Anton von Weber, während bei Hromada von einem Edmund von Weber die Rede ist. Derartige Unstimmigkeiten bei den Namen deutscher Künstler oder auch eine falsche Schreibung deutscher Namen ist in dem Buch wiederholt anzutreffen. Dies ist ärgerlich, da es die nötige wissenschaftliche Sorgfalt vermissen lässt.

Das Repertoire der fahrenden Schauspielgesellschaften reichte von Raimund, Nestroy, Grillparzer und Mozart über Emanuel Schikaneder und Adalbert Gyrowetz bis hin zu Kotzebue, Iffland, Lessing, Kleist, Goethe und Schiller, ja sogar Shakespeare. Großer Beliebtheit erfreuten sich zum Beispiel die Volksstücke der Koblenzer Autorin und Schauspielerin Johanna Franul von Weißenthurn, Karl Franz Wolfinger Ritter von Steinsbergs oder des Karlsbader Buchhändlers und Autors Heinrich Cuno. Immer wieder fügt Hromada Porträts von Bühnenautoren ein, die im Egerer Raum eine besonders nachhaltige Wirkung entfalteten, darunter so bekannte Namen wie Raimund, Lessing usw., aber auch viele heute vergessene Schriftsteller. Diese biographischen Abrisse basieren auf wenigen Standardwerken der tschechischen Literaturwissenschaft, sie wirken in ihrer Begrifflichkeit und ihren Auffassungen zuweilen befremdend und entsprechen nicht in allem dem neuesten Forschungsstand. Ziel des Autors war es, ein plastisches Bild von der Egerer Theaterwelt zu vermitteln und aufzuzeigen, dass die Rezeption der Bühnenwerke im 18. und 19. Jahrhundert von Wien bis Prag, Berlin und Hamburg keine Grenzen kannte. Immer gibt es überraschende Einblicke. So zum Beispiel erfährt der Leser, dass Franz Grillparzer nicht nur den Stoff fúr die „Libussa" und „König Ottokars Glück und Ende" aus der böhmischen Mythologie bzw. Geschichte bezog, sondern dass auch „Die Ahnfrau" auf einer böhmischen Quelle beruht.

Bedeutend war für die Egerer Theatergeschichte auch das Marionettentheater, ihm ist daher ein eigenes Kapitel gewidmet. Es befasst sich vor allem mit dem Marionettenschnitzer und
-spieler Andreas Schubert, der durch seine Krippenspiele berühmt wurde.

1874 erhielt die Stadt Eger schließlich ein eigenes, ständiges Theatergebäude. Es wurde mit einer Aufführung von Schillers Wallenstein-Trilogie eröffnet, die bis zum Zweiten Weltkrieg in der Stadt, in der Wallenstein ermordet wurde, immer wieder gespielt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen vereinzelt auch schon tschechische Dramatiker zur Aufführung.

Die Egerer Theatergeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in einem konzisen Überblick dargestellt. Für diese Periode sind in den Archiven und Bibliotheken der Region nur wenige Quellen vorhanden, insbesondere fehlt es an Bildmaterial. In Bezug auf diese Periode ist Hromadas Theatergeschichte daher vor allem ein Impuls für weiterführende Forschungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Eger den Großteil seiner Bevölkerung und wurde durch die undurchdringliche Barriere des Eisernen Vorhangs zu einer Grenzbastion ganz am Rand der sowjetischen Einflusssphäre. Theater spielten in den Nachkriegsjahren zunächst nur der tschechische Laientheaterverein Budil und das Marionettentheater der aus Pilsen stammenden Marionettenschnitzerfamilie Nosek. Erst 1961 bekam das nunmehrige Cheb wieder eine institutionelle Bühne, die der Verwaltung des Bezirks Pilsen unterstellt wurde.

Die nun folgende Geschichte der tschechischen Bühne von Cheb nimmt zwei Drittel von Hromadas Theatergeschichte ein. Sie ist am besten dokumentiert, und der Autor, selbst Tscheche, konnte aus dem Vollen schöpfen und reichlich Material zusammentragen. Über dieses jüngste, durchaus über die Grenzen der Region hinaus bedeutende Kapitel der Egerer Theatergeschichte lag bislang auf Tschechisch wenig, auf Deutsch so gut wie keine Literatur vor. Hromadas Darstellung ist von der Begeisterung und Liebe des Autors zu seinem Theater getragen, etwas mehr Objektivität und Abstand hätten gut getan, damit der Leser auch von den Schwächen und Misserfolgen des Theaters erführe, die es zweifelsohne auch gegeben hat. Subjektiv gefärbt ist auch die Beschreibung, wie der Kampf der Kunst mit der totalitären Macht in der kommunistischen Tschechoslowakei im Alltag vor sich ging, welche Mittel und Möglichkeiten die Künstler hatten, sich zu behaupten, und mit welchen Methoden sie von den Behörden drangsaliert wurden. Dieses historische Erfahrungswissen ist heute, gut zwei Jahrzehnte nach der Wende, sogar der tschechischen Jugend weitestgehend unbekannt.

Der so zäh wie zielbewusst gefochtene Kampf der Egerer Theaterschaffenden um ihre Unabhängigkeit und Freiheit, um die Echtheit und Unverfälschtheit der Kunst mündete schließlich in zentrale Rolle des Theaters in den Tagen der Wende, die von Hromada ausführlich beschrieben werden. Nicht minder spannend, ja erschütternd, sind die Seiten über die unfassbare Missetat des vorsätzlich gelegten Theaterbrandes von 1997. Täter, Tatmotiv und Hintergründe harren bis heute der Aufklärung, dieser Bürde hat sich die Stadt bisland nicht entledigt.

František Hromadas „Egerer Theatergeschichte" ist trotz mancher Einseitigkeiten und sachlicher Ungenauigkeiten alles in allem ein wertvolles Grundlagenwerk auf einem bisher kaum bestellten Feld. Die schon erwähnten Fehler bei Personennamen, aber auch Mängel der graphischen Bearbeitung und Druckfehler, die nicht mehr ausgemerzt werden konnten, sind bei dem aufwändigen und schön gestalteten Werk doppelt bedauerlich, schmälern dessen ideellen Wert jedoch kaum. Bei der Vorbereitung auf den Druck wurde nicht genug Zeit für die Korrekturen eingeplant, da es als wichtigstes Ziel angesehen wurde, dass das Werk rechtzeitig zu den Jubiläumsfeiern der Stadt vorläge.

Dies gelang denn auch, und als das Buch frisch aus der Druckerpresse Anfang Juni am Rathaus der Öffentlichkeit der Stadt Cheb vorgestellt wurde, kam in einigen wenigen Worten des Autors nochmals zum Ausdruck, wodurch es vor allem bemerkenswert ist: „Eigentlich müssen wir den ehemaligen deutschen Bewohnern von Eger dankbar sein für das, was sie hier aufgebaut haben", sagte Hromada. Solche Worte eines vorbehaltlosen Bekenntnisses zur lokalen Kulturtradition über alle schmerzlichen historischen Einschnitte hinweg bekommt man an Orten wie Eger resp. Cheb, die in exponierter Randlage die Tragödien der europäischen Geschichte mit ganzer Wucht zu spüren bekamen, selten zu hören. Die regionale Presse zitierte diesen Satz freilich nicht. Das ist bezeichnend. Es ist nur eine kleine intellektuelle Vorhut, die sich dazu vorgearbeitet hat, alle Facetten des Genius loci der Stadt zu integrieren und als Wurzel und Grundlage der Kultur der Gegenwart und Zukunft wahrzunehmen.

Das Buch „Historie chebského divadelního života - Egerer Theatergeschichte" ist zweisprachig, dem tschechischen Text auf der linken Seite steht auf der rechten Seite jeweils der entsprechende deutsche Text gegenüber. Die Herausgabe wurde durch eine großzügige Förderung von der Stadt Eger, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der Hermann-Gutmann-Stiftung in Nürnberg und mehrerer privater Sponsoren ermöglicht.

Das Buch wird vom städtischen Informationszentrum von Cheb vertrieben.

 

 
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