Hofmannsthal - Lord Chandos Brief PDF Drucken E-Mail

Sprachzerfall & Entfremdung

Ein "Paradetext" zur Entfremdung in und durch die Sprache liegt von dem österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal vor: "Ein Brief".

Als Einleitung dazu einige Zitate:

 

It is in Central Europe, particularly in Vienna and Prague between ca. 1900 and 1925, that the "language revolution" took place at the deepest, most consequent level. Like most true revolutions, it had behind it a distinctive failure of nerve. The new linguistics arose from a drastic crisis of language; the mind loses confidence in the act of communication itself. This crisis produced a set of works, closely related in time and place of composition, which are unquestionably among the few classics of our disheveled century. I mean Hofmannsthal's LORD CHANDOS LETTER, which, as early as 1902, poses the problem of the deepening gap between language and meaning, between the poet's addiction to personal truth and the eroded mendacities of his idiom.

George Steiner: The Language Animal. In: Extraterritorial. 1971

Theodor W. Adorno hat sich zu diesem Sprachproblem kritisch geäußert. Beachtenswert sind dabei die Aufsätze "George" und "Die beschworene Sprache" (beide in "Noten zur Literatur"), letzterer über Rudolf  Borchardt  mit Bezügen zu George und Hofmannsthal sowie "George und Hofmannsthal - Zum Briefwechsel 1891-1906". Im Beitrag "George und Hofmannsthal" lesen wir:

 Denn Hofmannsthals Schauspielertum verdankt sich bis in seine alexandrinischen Konsequenzen hinein, bis zu den Pseudomorphosen der späteren Zeit einer höchst realen Einsicht: daß die Sprache nichts mehr zu sagen erlaubt, wie es erfahren ist. Entweder ist sie die verdinglichte und banale von Warenzeichen und fälscht vorweg den Gedanken. Oder sie installiert sich selber, feierlich ohne Feier, ermächtigt ohne Macht, bestätigt auf eigene Faust, kurz, von dem Schlage, wie Hofmannsthal an der Georgeschen Schule es bekämpfte. Sie verweigert sich vollends dem Gegenstand in einer Gesellschaft, in der die Gewalt der Fakten solches Entsetzen annimmt, daß noch das wahre Wort wie Spott klingt. Hofmannsthals Kindertheater ist der Versuch, die Dichtung von der Sprache zu emanzipieren. Indem dieser die Substantialität aberkannt wird, verstummt sie: Ballett und Oper sind die notwendige Folge. Unter den tragischen und komischen Masken ist kein menschliches Antlitz übrig. Daher die Wahrheit von Hofmannsthals Schein. Dort gerade nimmt diese Sprache den Ausdruck des Schreckhaft-Schwankenden an, wo sie aus epischer Vernunft zu reden vorgibt. »Circe, kannst du mich hören? / Du hast mir fast nichts getan«, heißt es im Text der ›Ariadne‹. Das epische Fast, das noch im Angesicht der mythischen Metamorphose einschränkend innehält, entzieht dem gleichen Mythos den Boden durch neuzeitliche Lässigkeit.

Theoder W. Adorno: George und Hofmannsthal. (In: Prismen)

Claudio Magris schrieb in der zweisprachigen Publikation von Adrea Zanzotto: Lichtbrechung. Ausgewählte Gediche italienisch/deutsch. Verlag Droschl, Wien, Graz 1987:

„Zu Beginn dieses Jahrhunderts schrieb Hugo von Hofmannstahl, mit seinem Brief des Lord  Chandos, ein großartiges Manifest zum poetischen Wort, jenem, das ins Unsagbare zeigt und im Verstummen erlischt. Der Protagonist in der Erzählung von Hofmannsthal ist ein Dichter, der zum Schweigen gelangt, da die Sprache die Dinge nicht mehr sagt und den Fluß des Lebens und seine Epiphanien erstarren lässt. Wahrscheinlich keine andere Literatur des 20. Jahrhunderts hat diese Krise der Sprache so gelebt und zum Ausdruck gebracht, wie die österreichische, die im Völkergemisch des Donauraums entstand; es ist eine Krise, die die gesamte zeitgenössische Literatur betrifft, nur aus ihr kann heute noch authentische Dichtung hervorgehen.“

 



Lesen Sie hier "Ein Brief" von Hugo von Hofmannsthal:  

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