# 11: Chobot: Orwells Schwester PDF Drucken E-Mail
Manfred Chobot: Eine Besprechung von "Kallocain" von Karin Boye
 

Manfred Chobot

Eine Schwester Orwells

Eigenartig, dass Karin Boye hierzulande nahezu unbekannt ist, sowohl ihre Gedichte als auch ihre Prosa. Sie wurde am 26. Oktober 1900 als Tochter eines Ingenieurs in Göteborg geboren, die Familie stammte aus Böhmen und war 1844 nach Schweden gekommen. Nach ihrem Studium an der Universität Uppsala engagierte sie sich in der radikal-pazifistischen Clarté-Bewegung, die von Henri Barbusse initiiert worden war. Sie begründete und redigierte ein Dichtermagazin, übersetzte vor allem T. S. Eliot und die Surrealisten ins Schwedische. In einem Wald bei Alingsås nahm sich Karin Boye am 24. April 1941 mit Gift das Leben, kurz nachdem 1940 ihr Roman Kallocain erschienen war.

Der Chemiker Leo Kall lebt im totalitären Weltstaat, wo die Mitsoldaten, wie die Menschen einander zu nennen verpflichtet sind, sogar in ihren Wohnungen vom Polizeiauge und Polizeiohr überwacht werden. Alle Wohnungen sind genormt und beschränkt in ihrer Größe, einem unverheirateten Mitsoldaten steht ein Zimmer zur Verfügung, Ehepaaren sind zwei Zimmer gestattet, eines davon der Elternraum. Die gesamte Chemiestadt Nr. 4, wo Leo Kall seiner Arbeit nachgeht, befindet sich unter der Erde, wie alle Städte des Weltstaats. Um die Oberfläche aufsuchen zu dürfen, bedarf es einer Freiluftlizenz. Nach ihrer Arbeit müssen die Bewohner an den Abenden Polizei- oder Militärdienst leisten, wodurch die freien Abende selten sind und die Geburtenrate im Weltstaat bedenklich sinkt. Sogar gegenseitige Besuche müssen vorher durch eine Besuchseingabe behördlich genehmigt werden. Die Kinder werden in staatlichen Kinderheimen erzogen und schließlich den Eltern völlig entzogen, da sie anderswohin verlegt werden. Ein weiterer Kontakt zwischen Eltern und Kindern ist nicht mehr gestattet. Bei der Arbeit wird eine Arbeitsuniform getragen, in der Freizeit ist die Freizeituniform Vorschrift. Das gesamte Leben ist normiert und staatlich geregelt. Lässt sich jemand eine Verfehlung zuschulden kommen, worüber das Siebente Büro des Propagandaministeriums wacht, muss der Betreffende eine Entschuldigung verfassen, die im Radio verkündet wird. Auch Kall ist einmal davon betroffen.

Der loyale Mitsoldat Leo Kall, zugleich der Erzähler, hat ein nach ihm benanntes Wahrheitsserum erfunden, eine blassgrüne Flüssigkeit. Erst einmal injiziert, äußert die betreffende Person seine bzw. ihre geheimsten Gedanken und Wünsche. Neben- oder Nachwirkungen treten danach keine auf. Für den Staat eröffnet sich durch Kalls Entdeckung die Möglichkeit, staatsfeindliche Gedanken zu erkennen und bereits im Keim zu ersticken. An der Aufklärung von „harmlosen Privatmorden“ und anderen Delikten liegt dem Staat weniger, dagegen an jeglicher Möglichkeit von Spionage sowie dem Aufkommen von Gefühlen unter den Mitsoldaten. Als erste Versuchspersonen werden Mitglieder des Freiwilligen Opferdienstes getestet, deren Beruf es ist, sich für Experimente zur Verfügung zu stellen. Da viele von ihnen gesundheitlich angeschlagen sind, werden weitere Personen für die Versuche ausgewählt, indem man sie einfach verhaftet. Die Ergebnisse der Tests sind verblüffend. Leo Kall, der Staaträson völlig ergeben, stellt bei einer Textperson mit Schaudern fest, wie sehr Gefühle in den Mitsoldaten schlummern: „Dieser Fall war gerade ein Schulbeispiel dafür, wohin wir kommen, wenn die einzelnen zu sehr aneinander hängen! Dabei zerbricht leicht das Wichtigste, die Verbundenheit mit dem Staat!“

Leo Kall bekommt als Vorgesetzten Edo Rissen zugeteilt, ein Mann, gegen den Kall Vorbehalte empfindet, die sich immer mehr zur Feindschaft steigern, da er argwöhnt, Rissen habe ein Verhältnis mit seiner Frau Linda. Dieser Verdacht wächst zur fixen Idee aus, sodass Kall seiner schlafenden Frau eine Spritze verpasst, um Gewissheit zu erlangen, jedoch offenbart sie ihm ihre tiefe Zuneigung und verzeiht ihm sogar sein Misstrauen, dennoch denunziert Kall seinen Vorgesetzten Rissen, was umgehend zu dessen Verhaftung und Verurteilung führt. Zweifel und Gewissensbisse plagen ihn, er möchte seine Denunziation rückgängig machen, wozu es längst zu spät ist. „Ein Bazillenträger kann desinfiziert werden“, sagte der Richter in feierlichem Kommandoton, „aber ein Individuum, das in diesem Grade durch seine Haltung, ja sogar durch seinen Atemzug, Unzufriedenheit über alle unsere Einrichtungen verbreitet, Mißtrauen gegen die Zukunft hegt, (…) kann nicht anders als durch den Tod unschädlich gemacht werden.“

Nach dem Prozess gegen Rissen und dessen Verurteilung begibt sich Kall unerlaubter Weise an die Erdoberfläche. Dort wird er von Soldaten des gegnerischen Universalstaates gefangen genommen, die gegen den Weltstaat Krieg führen. Erst jetzt wird das Anfangskapitel klar, in dem Kall von seinem über zwanzig Jahre andauernden Gefängnisaufenthalt berichtet. „Meine jetzigen Lebensbedingungen unterscheiden sich wenig von denen, unter welchen ich als freier Mensch lebte. Die Kost erwies sich hier als kaum merklich schlechter – daran gewohnte man sich. Die Pritsche war etwas härter als mein Bett daheim in der Chemiestadt Nr. 4 – daran gewöhnte man sich. Ich kam etwas seltener in die frische Luft hinaus – daran gewöhnte man sich auch. Am schlimmsten war die Trennung von meiner Frau und meinen Kindern, besonders da ich über ihr Schicksal nichts wußte oder weiß; das erfüllte meine ersten Jahre in der Gefangenschaft mit Unruhe und Angst.“

Der Roman gilt manchen als Sternstunde schwedischer Prosa. Karin Boye schildert eine totalitäre Utopie, die sich nicht nur auf Nazideutschland bezieht, sondern auch auf den Stalinismus. Nach einer Reise in die Sowjetunion war sie enttäuscht von der politischen Realität zurückgekehrt; in Berlin hatte sie 1932 den Beginn der Nazizeit erlebt. Ihre jüdische Freundin, die sie in Berlin kennengelernt hatte, nahm sie mit nach Schweden. 1938 besuchte sie Berlin ein weiteres Mal. Bemerkenswert ist, dass George Orwells „1984“ erst neun Jahre nach „Kallocain“ erschien. Karin Boye schildert nicht zuletzt das Entstehen von Auflehnung gegen eine totalitäre Gesellschaftsordnung und formuliert zugleich ihre Einstellung zum Selbstmord, indem sie schreibt: „Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich würde gern sterben. Wenn einem das Leben nichts anderes mehr geben kann, dann ist Sterben noch das Letzte. Wenn man sagt: Ich schaffe es nicht mehr, dann meint man: ich kann nicht mehr weiterleben. Man meint nicht: Ich kann nicht sterben – denn das kann man. Sterben kann man immer, denn dabei braucht man sich nicht zu verstellen…“

Im dritten Band seiner „Ästhetik des Widerstands“ schreibt Peter Weiss über die Autorin: „…doch was sie zu sagen gehabt hatte, das eröffnete sich mir erst jetzt, nach der wiederholte Lektüre ihres letzten Buchs. Was sie schildert, war nicht Utopie, wie ich angenommen hatte, sondern Untersuchung des Gegenwärtigen, die Zeitverschiebungen, die scheinbar eine Entfernung zu unserer Wirklichkeit verursachten, wiesen auf Bestehendes hin. Die Schuld, die sie in sich trug, bezog sich weniger auf die sexuellen Konflikte als darauf, beteiligt zu sein am Unvermögen des Menschen, der Entwicklung des Staats zum Mordinstrument hin Einhalt zu gebieten.“

Ihr schwedischer Verleger hatte nach der Lektüre des Manuskripts geäußert: „Ich habe gerade ein wirklich großes Buch überstanden, unheimlich und faszinierend, aber die reine Folter.“

 

Karin Boye: Kallocain. Roman aus dem 21. Jahrhundert. Übersetzt aus dem Schwedischen von Helga Clemens. Neuer Malik Verlag, Kiel 1984. 192 Seiten; und Frankfurt/Main 1993, Suhrkamp TB 2260

 

 
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