# 11: Chobot: Rahel Sanzaras verlorenes Kind PDF Drucken E-Mail
Besprechung von Rahel Sanzaras "Das verlorene Kind"
 

Manfred Chobot

Das verlorene Kind

Rahel Sanzara hieß eigentlich Johanna Bleschke und war die Tochter eines Stadtmusikers. Am 9. Februar 1894 in Jena geboren, sollte sie eine Buchbinderlehre absolvieren, entschied sich jedoch, nach Berlin zu übersiedeln, wo sie in einem Verlag arbeitete und dort 1913 den um zwölf Jahre älteren Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß kennenlernte, mit dem sie eine langjährige, konfliktreiche Beziehung einging. Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde sie zur Krankenschwester ausgebildet und musste im Kriegslazarett Dienst leisten. Diese Erfahrungen sollten später in ihren Roman „Die glückliche Hand“ einfließen. Durch die Anregung und Vermittlung von Ernst Weiß nahm sie bei der berühmten Tanzlehrerin Rita Sacchetto Unterricht, neben Isadora Duncan die wichtigste Vertreterin des Ausdruckstanzes. Die Kosten für ihre Ausbildung übernahm Ernst Weiß. Um ihrer Verehrung für die Lehrerin Ausdruck zu verleihen, verwendete sie sie deren Initialen und änderte ihren Namen. Das Wort „samsara“ entstammt dem altindischen Sanskrit und bedeutet „Wiedergeburt“. In dem für sie von Weiß verfassten Drama „Tanja“ feierte sie 1919 einen sensationellen Erfolg als kalte, zynische, habgierige und herzlose Frau, die Reichtum und Sex nachjagt. Diesen Erfolg konnte sie jedoch niemals wiederholen. Konsequenterweise gab sie daher 1924 die Schauspielerei auf und begann zu schreiben. „Das verlorene Kind“ war ihr erster Roman, 1926 erschienen, erregte er ein großes Echo, das von Begeisterung bis zur totalen Ablehnung reichte. Man verdächtigte sie, dass nicht sie, sondern Ernst Weiß der Autor sei und warf ihr vor, sie habe die Geschichte dem „Neuen Pitaval“ entnommen. Tatsächlich stammt der Stoff dieses Verbrechens aus dieser Sammlung authentischer Kriminalfälle. Allerdings hat sich auch Heinrich von Kleist für seine Novelle „Michael Kohlhaas“ vom Pitaval anregen lassen. 1926 sollte Rahel Sanzara den renommierten Kleist-Preis für „Das verlorene Kind“ erhalten, lehnte die Annahme jedoch in Absprache mit Ernst Weiß ab. Leidenschaftlich verteidigte sie Gottfried Benn gegen den Vorwurf des Plagiats in einem Artikel für die Vossische Zeitung.

Die Geschichte spielt in Norddeutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Christian B. pachtet einen Gutshof, den er umsichtig führt und überaus erfolgreich bewirtschaftet. Seine Frau Martha gebiert zwei Söhne, die von der Magd Emma aufgezogen werden, gemeinsam mit ihrem eigenen Sohn Fritz, der fast wie ein Kind der Herrschaft behandelt wird. Emma hatte davor auf dem Hof von Christians Schwester Klara gearbeitet, wo sie von einem Knecht vergewaltigt worden war. Die Folge dieser Vergewaltigung war Fritz. Auf dem Hof von Christian findet Emma wohlwollende Aufnahme. Als Christian und Martha nach 15-jähriger Ehe noch eine Tochter bekommen, scheint das Glück vollkommen zu sein – bis Fritz die Vierjährige sexuell missbraucht und ermordet. Die Leiche verscharrt er in der Scheune. Niemand verdächtigt ihn, obwohl er den Kontakt zu den Mitmenschen meidet, sich viel lieber allein in der Natur aufhält, allerdings ist er arbeitsam und hält alles „in Ordnung“.

Tagelang wird nach Anna gesucht. Zigeuner geraten in den Verdacht, das Kind entführt zu haben. Mit dem Verschwinden von Anna zerfällt die heile Welt. Christian vernachlässigt den Hof, stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, durch die quälende Ungewissheit zerbricht Martha. „Ihr Gesicht verwandelte sich. In einem starren, wie blinden Blick waren ihre Augen so weit aufgerissen, daß die Lider schmerzten… Der Mund, der bisher durch sein Lächeln das Fleisch der Wangen heiter kräuselte, war breit und scharf über den fest ineinandergebissenen Zähnen geöffnet und riß zwei Furchen bis zum Kinn.“

Der Leser kennt den Mörder und muss mitansehen, wie die Ordnung nach und nach aus den Fugen gerät. Christian verlässt das eheliche Schlafzimmer, zieht sich zurück, ignoriert seine Frau. „Christian, es wird doch alles gut werden. Ich bin doch deine Frau.“ Er schob sie sanft von sich. „Was wir gelebt haben, das ist alles vorbei, das dürfen wir nicht mehr wollen.“

Rahel Sanzara erzählt in einer expressionistischen Sprache, schreibt von „totem Glas“, bedient sich Verdoppelungen, um den Ausdruck zu steigern. Die Erzählstruktur stellt nicht die Tat ins Zentrum, sondern deren Folgen, welch gravierende Veränderungen sich im Leben der Hauptpersonen ereignet haben.

Ein Jahr nach dem Mord wird die Leiche gefunden. Emma ist es nun, die ihren Sohn als Täter preisgibt. Fritz wird zu 15 Jahren Haft verurteilt, wiewohl er die Tat beharrlich bestreitet. – Bis „es“ ihn eines Tages in seiner Zelle wieder überkommt und er sich selbst kastriert. Diese Szene wird von der Autorin subtil und zugleich überaus eindringlich geschildert, fern von jeglichem Voyeurismus, mit einem Können, das sie bereits bei der Darstellung des Mordes bewiesen hat.

Obwohl Christian alles verloren hat, den Gutshof aufgeben musste, da er die Pacht nicht mehr bezahlen konnte, Martha inzwischen verstorben ist, gelangt er zu der Einsicht: „Wie Gott jetzt hart zu mir war, war ich auch hart zu Martha und den anderen Menschen. Und ich werde nie mehr, wenn es in meiner Kraft steht, hart zu einem Menschen sein, und wäre es der Mörder meines Kindes. Das Leben hat sich mir verhüllt nach langer Klarheit; vielleicht ist mein Tod schön.“

Seine beiden Söhne sind nach Amerika ausgewandert, wie es sein Wille war, und selbst die Nachricht, dass der jüngere Sohn seine kleine Tochter auf den Namen Anna taufen ließ, berühren ihn kaum. Christian fühlt sich als lebende Leiche. Er bewirtschaftet nun mit seiner verwitweten Schwester Klara und der Magd Emma einen kleinen Bauernhof. Die kinderlose Klara, deren Mann gesoffen und sie lieblos vernachlässigt hat, äußert sich gegenüber Christian: „Du bist von Gott geschlagen, aber ich bin von ihm vergessen, ich bin vom Leben vergessen. Ich bin froh, wenn ich bei dir sein kann, wenn ich mit euch jammern kann.“

Nachdem Fritz aus der Haft entlassen wird, nimmt Christian ihn auf seinen Hof, sorgt für den fleißig arbeitenden Knecht und gibt ihm den Namen Martin. Emma dagegen verbietet ihrem Sohn, sie jemals wieder Mutter zu nennen.

Aufgrund ihres Namens hielten die Nationalsozialisten Rahel Sanzara für eine Jüdin, sodass ihr Roman „Das verlorene Kind“ auf die „Liste des unerwünschten Schrifttums“ gesetzt und am 10. Mai 1933 wie unzählige andere Bücher verbrannt wurde. Einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag, am 8. Februar 1936, erlag Rahel Sanzara ihrem Krebsleiden. Die Veröffentlichung ihres Romans „Die glückliche Hand“, wenige Monate später in der Schweiz erschienen, erlebte sie nicht mehr. Das Manuskript ihres dritten Romans „Hochzeit der Armen“ ist bis heute verschollen.

Carl Zuckmayer schrieb 1973 an Peter Engel, den Herausgeber der Werke von Ernst Weiß: „Den Roman Das verlorene Kind sollte man neu herausgeben. Er hat von seiner atmosphärischen Dichte und epischen Kraft nichts verloren.“ Diesem Urteil ist vollinhaltlich zuzustimmen.


Rahel Sanzara: Das verlorene Kind. Roman. Mit einem Nachwort von Diana Orendi-Hinze. Akademischer Verlag Stuttgart, 1980. 460 Seiten; ebenso: Frankfurt/Main 1983, Suhrkamp TB 910, 295 Seiten. Mit einem Nachwort von Peter Engel. Ebenfalls im Internet bei http://gutenberg.spiegel.de/gutenb/sanzara/verloren


 
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