# 11: Folz: Gustav Ernsts "Bridge" PDF Drucken E-Mail
Gabriele Folz-Friedl: Besprechung der Aufführung von Gustav Ernsts "Bridge" im Wiener Schauspielhaus
 

Gabriele Folz-Friedl

 

Zu Gustav Ernsts „Bridge“ anlässlich der Aufführung im Wiener Schauspielhaus, September 2012

 

Treffen sich drei alte Damen in Erwartung einer vierten im Kursalon... Zweck dieser Zusammenkunft ist die Vorbereitung auf ein Bridgeturnier, das aber in weiterer Folge keine Rolle spielt, vielmehr in irgendwelchen nebulosen Fernen zu liegen scheint. Unterstrichen wird dieser Eindruck dadurch, dass die fehlende vierte Bridgepartnerin während des gesamten Stückes durch Abwesenheit glänzt, wodurch man unwillkürlich an Warten auf Godot ( wenn auch „Godot light“) erinnert wird.

 

Neben Bridge ist es wohl eine gemeinsame Abneigung, die die drei in den achtzigern befindlichen Damen der besseren Gesellschaft zusammenschweißt – eine Verbindung, der bekanntlich oftmals besonders intensive und in manchen Fällen lebenslängliche Haltbarkeit beschieden ist.

Während des Wartens mit unbestimmtem Ausgang entwickelt sich aus anfänglichem Geplauder  mit etlichen vergifteten Spitzen – vor allem von Seiten Marie-Claires (dargestellt von Juliane Gruner) –  allmählich ein stetig eskalierender verbaler Schlagabtausch, der weder vor derben Beleidigungen noch vor bösartiger Untergriffigkeit zurückschreckt. Wird die etwas tumbe Gertraud (Susanne Altschul) anfangs vor allem wegen ihrer Vorliebe für Esterhazyschnitten geneckt, so führt dies bald über genervten Spott, betreffend ihre geriatrische Krankheitsfixiertheit („…schon wieder diese Krampfadernarie!“) irgendwann zur makabren Debatte, woran ihr Sohn nun wirklich gestorben sei und  wie – erhängt an Fensterkreuz oder Luster? – wobei man sich schließlich auf Fensterkreuz einigt.

 

Nicht minder bekommt die erotomane Emma (Johanna Tomek) ihr Fett weg, die nicht wahrhaben will, dass sie von der Liebe ihres Lebens verlassen wurde und nicht umgekehrt, was der unter anderem Schlampe Titulierten ihre frenetische Begeisterung fürs männliche Geschlecht aber nicht im mindesten ausgetrieben zu haben scheint.

 

Der zynischen Marie-Claire fällt die Rolle einer Art mephistophelischen Kommentatorin zu, die zwar selbst auch nicht von bissigen Bemerkungen ihrer „Schwestern im Bridge“ verschont bleibt, meist aber in ihrer generellen und ostentativ zur Schau getragenen Menschenverachtung wenig davon berührt scheint. Jede der drei Protagonistinnen ist bestrebt, die Deutungshoheit über das Leben der andern zu erringen, deren Schönfärbereien und Lebenslügen zu entlarven, eine Anmaßung, die weitere verbale Eskalationen zur Folge hat. Jede  erhält schließlich einen Soloauftritt, eine Art Ansprache ans Publikum, während die beiden andern inzwischen zusammengesunken in ihren Stühlen hängen (den einzigen Gegenständen im kargen Bühnenbild), verfallen in mumienhaften Schlaf, halb schon in Verwesung übergegangen, was noch unterstrichen wird durch die verfilzten Haarschöpfe und zerschlissenen Pelzmäntel, die ihre besten Jahre längst hinter sich haben.

 

Lauter pralle Szenen, Szenen für Rampensäue, für die jede Schauspielerin dankbar ist und die sich denn nach allen Regeln der Kunst auszuschlachten die drei Darstellerinnen nicht nehmen ließen. Auch das Publikum war dankbar für die furiose, mit Bravour abgegebene Leistung und sparte nicht mit Lachern an den dafür vorgesehenen Stellen –  manchmal eben auch bei der Erwähnung von Stützstrümpfen, mit Fetzen ausgestopftem Busen etc. – wie denn überhaupt das Stück nicht wenige solcher Anlässe bietet.

 

Eine Vielzahl griffiger Sager werden den Protagonistinnen in den Mund gelegt (In unserem Alter ist man entweder auf Kur oder auf Kreuzfahrt), politische und gesellschaftliche Missstände werden erwähnt, manch zeitrelevantes Thema – Arbeitslosigkeit, Managerabfertigungen etc. –  wird gestreift, ohne in diesem Kontext recht überzeugend zu wirken. Auch so ziemlich jedes alterstypische Thema kommt zur Sprache, wird aber leider nicht vertieft. Alles in allem wird durch endlose Wiederholungen jener angerissenen Themen ersetzt, was ihnen an Intensität fehlt.

 

Nur einem Phänomen widmet sich der Autor etwas ausführlicher, das ist der spezifische Anarchismus des Alters, der darin seine Wurzeln hat, dass ein Mensch an der Schwelle des Grabes einfach nichts mehr zu verlieren hat als das Leben, dessen Verlust ihm tagtäglich als unumgänglich vor Augen steht, was wiederum eine völlige Befreiung von allen üblicherweise geübten Rücksichten erlaubt. Hier hat das Stück seine besten Momente, in denen die drei Damen diesem Anarchismus lustvoll ein wenig die Zügel schießen lassen, aus dem der letzte Rest von scheinbar abgeklärtem Alter, getilgt ist (Söhne, Töchter, Töchter, Söhne! Kinder gehören überhaupt ausgerottet! Schaut uns doch an, was sie aus uns gemacht haben, diese Monster!)

 

Hier erinnert der Text zeitweise von ferne an Bernhard oder Schwab. Aber auch hier bleibt doch der Eindruck einer verschenkten Gelegenheit zurück. Das Stück ist letztlich auf den Effekt berechnet. Weder die Bösartigkeit, noch die Wut erschüttert, der Zynismus hält sich in Grenzen und die Dimensionen, die jene spezielle Anarchie erreichen könnte, sind lediglich angedeutet.

 

Es ist jedoch ein Stück, in dem Schauspieler brillieren können. Dies tun sie nach Kräften - und auch dem Publikum hat es offensichtlich gefallen.

 

 
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