Sebestyéns Reise durch das Tauwetter PDF Drucken E-Mail
Rezension von György Sebestyéns "Reise durch das Tauwetter" von Gustav Schwedinger.
 
Erschienen in:
Kulturnachrichten aus dem Weinviertel, Augsut 2013: rezension_wv_kulturnachrichten_2013_1_bruennerstr_abc 
 

1965 war das Buch „Flötenspieler und Phantome. Eine Reise durch das Tauwetter“ von György Sebestyén erschienen. Es handelt von Besuchen und Eindrücken in der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, wohin der 1963 zum Österreicher gewordene Ungar, der 1956 geflüchtet war, wieder reisen durfte.

Für mich hatte das Buch einen eigentümlichen Reiz, weil ich selbst kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in die CSSR gereist war, um mit einigen Leuten zu sprechen. Der Kontrast zwischen meinen Eindrücken und denen, die Sebestyén so einfühlsam vermittelt, hätte nicht tiefer sein können.

Sebestyén (1930-1990) schreibt nicht wie die wilden, rasenden Reporter. Er ist kein bloßer Berichterstatter und schon gar nicht ein Propagandist. Er ist ein aufmerksamer, kluger Beobachter, der denkt. Das macht vielleicht den besonderen Wert seines Buches aus, weil es damit über die historische Zeit seine Bedeutung wahrt.

Nun hat der niederösterreichische Kleinverlag Driesch das Kapitel „Tschechoslowakei“ aus diesem Buch als preisgünstiges Taschenbuch herausgebracht, versehen mit der Übersetzung ins Tschechische von Helena Tesařiková und Illustrationen von Robert Petschinka. Vom deutsch schreibenden Ungar, der bis zu seinem Tod aktiv war als Schriftsteller, Journalist, Herausgeber und Kulturoganisator (er gründete bzw. war Mitbegründer der Zeitschriften PANNONIA und MORGEN), gibt es bislang keine Übersetzungen, weder ins Ungarische, noch in eine andere Ostsprache.

Um so begrüßenswerter, dass jetzt wenigstens eine Textauswahl auch in Tschechisch vorliegt. Nachdem nicht nur bei uns, sondern vor allem bei unseren östlichen Nachbarn die Geschichtskenntnisse verblassen, die Jungen fast nichts mehr vom Prager Frühling wissen, geschweige denn von den Zeiten davor, ist eine Reminiszenz an diese Zeit, zumal sie literarisch gewinnend geschrieben ist, voller Farben und Töne, wertvoll.

Vielleicht macht es einige neugierig auf den Autor, dessen Werk zwar nicht vergessen, aber doch nicht so präsent ist, wie es ihm gebührte.


György Sebestyén: Reise durch das Tauwetter. Když nastala obleva. Format 120 x 180 mm, 144 Seiten, Euro 10,00 Driesch Verlag, Drösing 2013

ISBN 978-3-902787-07-1

 

 

 
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