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Karl Kraus: Heine PDF Drucken E-Mail
  • thumb_kraus-heine-reihe-220-vorderseite_rgbKarl Kraus
  • Heine
    Herausgegeben und zusammengestellt von Haimo L. Handl
    Illustrationen von Robert Petschinka
  • Driesch Reihe # 4
    Format 21 x 21 cm, ca. 50 Seiten, Broschur,
    € 5,00
    © Driesch Verlag, Drösing 2014
    ISBN 978-3-902787-26-2

 

Im März 2014 erschienen. 
 
 
Inhaltsverzeichnis

Grabschändung            Seite 3
Um Heine                    Seite 6
Heine-Reliquien            Seite 10
Meine Bücher, der Fall Heineund die Vorlesung  Seite 12
Heine und die Folgen                    Seite 21
Zwischen den Lebensrichtungen    Seite 39
Vom Niveau der Sprache               Seite 42
Nachwort                                   Seite 45
 
 
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Nachwort

 

Karl Kraus löste mit seinem Artikel „Heine und die Folgen“, 1911 publiziert, eine Lawine los. Die Empörung war groß, die Angriffe gegen Kraus heftig. Viele sahen in der Schrift puren Antisemitismus. Das hat sich gehalten. Wenige verstanden die Kritik von Kraus seinem Sprachverständnis und –empfinden entsprungen, seine Angriffe gegen den Feuilletonismus gerichtet, unabhängig, ob es sich beim in Frage stehenden Autor um einen Juden handelte.

 

Die Debatte erlangte ihr Eigenleben, das den eigentlichen Gegenstand bald aus dem Fokus verbannte und an den Personen kleben blieb, an den gesellschaftlichen Zügen und ideologischen Seiten.

 

Oft wurde Literaturkritik vermischt mit Aburteilungen der Person. Was später, in einem anderen Zusammenhang, der französische Intellektuelle und Schriftsteller Paul Valerý monierte, schien allgemeine Übung: „Man nennt den andern einen Sophisten, wenn man fühlt, daß man dümmer ist als er. Wer das Denken nicht angreifen kann, greift den Denkenden an.“

 

Bemerkenswert, dass Neuerer oder Avantgardisten der Zeit, wie Arnold Schönberg, Adolf Loos oder Ludwig Wittgenstein zu jenen zu zählen sind, deren rigide Wertmaßstäbe gleichwertig wie die von Karl Kraus sich gegen den Feuilletonismus aussprechen bzw. gegen das Ornamentale oder Dekorative. Aber solch extreme Vertreter waren in der Minderzahl. Karl Kraus wurde einerseits von einer unkritischen Gemeinde wie ein Meister gefeiert, andererseits von einem größeren Teil vehement geschmäht und verurteilt. Seine in den letzten Lebensjahren geäußerten politischen Meinungen, vor allem seine befremdliche Haltung zu Engelbert Dollfuß, lieferten für die Kritiker die letzten Belege für die Richtigkeit ihrer Ablehnung. Doch das Politische war nur der willkommene Punkt auf dem „i“. So geradlinig, wie Kraus in seiner Sprachkritik war, so verblüffend widersprüchlich war er in seinen Meinungen und Urteilen. Er wechselte, wie er es für nötig empfand, weil er seiner Grundauffassung treu blieb. Auf ihn trifft zu, was Nietzsche bemerkte: „Unsere Anhänger vergeben uns nie, wenn wir gegen uns selber Partei ergreifen.“

 

Kraus wird nicht nur wegen seines Konservativismus angegriffen, seiner politischen oder unpolitischen Haltung, sondern einer konstatierten Irrationalität. Fritz J. Raddatz betont genüsslich diesen Aspekt: „Kraus war ein Gegenaufklärer; was zu beweisen wäre. Untrügliches Zeichen des Irrationalismus ist die Personalisierung jedes Problems – ob moralisch, wirtschaftlich oder politisch; von der Möglichkeit, Zusammenhänge, Kausalitäten zu erkennen, wird nicht Gebrauch gemacht.“ („Der blinde Seher“)

 

Aber Kraus montierte, stellte durch seine Technik bloß, enthüllte, zeigte Zusammenhänge. Die Person war nicht das Ziel, der Fokus, sondern der Anlass, der Ausgangspunkt. Über die Sprache, die ein Gemeinmittel, Gesellschaftliches per se ist, wurde immer mehr als einzelner Sprachgebrauch oder der Sprecher kritisiert. Der Sprecher war stellvertretend für einen Zustand, eine Tendenz, eine Folge. So konstatierte Karl Kraus früh gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Sprache sie ihm voranmeldeten, kündeten. Deshalb seine Feindschaft gegen die Journaille, gegen das Feuilleton, nicht zuletzt gegen Heine und seine Epigonen.

Es geht heute auch nicht darum, ob und wieweit Kraus mit seiner Haltung recht hatte oder nicht. Es geht um eine Sprachauffassung, die mit einem gewissen Sprachgebrauch, also einer sozialen Übung entsprechend gewisser gesellschaftlicher Zustände und Bedingungen, hadert, diesen kritisiert und auf andere Verhältnisse pocht. Der Misserfolg solchen Unterfangens diskreditiert nicht den Versuch.

 

Das schnöde Abtun des Krausschen Aufsatzes „Heine und die Folgen“ als antisemitisch hilft nicht weiter, sondern macht es sich zu einfach, gerade weil heute die politische Korrektheit kaum zu differenzieren in der Lage ist. Wäre das adäquate Kommunizieren möglich, würden die Invektiven, deren Anreicherung antisemitisch genannt werden können, im Kontext bewertet werden können. So aber ersetzen die antisemitischen Vorwürfe and Verurteilungen als Keulenschläge, als Pseudoargumente jedes weitere Nach- und Bedenken. Deshalb sind sie zurückzuweisen.

 

Heinrich Heine ist anerkannt, nicht nur im Ausland, auch im deutschsprachigen Raum. Seine Lieder und Gedichte sind populär, gewisse Aufsätze speisen die Reklamationen vieler Kritiker. Heine gibt was her. In den frühern Sechzigerjahren wurde ein populäres Buch, ein typisches Werk der Ratgeberliteratur, „Praktiken der Liebeskunst“ von Egon Jameson (Hamburg 1964) „Statt einer Einführung“ mit einem Heine-Gedicht eingeleitet. Heine war gängig und brauchbar geworden für Waschzetteltexte, Liederabende, Parties und Agitprop, ganz nach Belieben. Dagegen ist nicht viel zu sagen. Heine war und ist Gegenstand vieler Hunderter von literarischen Untersuchungen (z. B. 1991 „Ästhetisch-politische Profile, hg. von Gerhard Höhn), weit mehr als im Falle Kraus. Aber bei beiden ist es angebracht, zu den Schmieden und nicht nur den Schmiedels zu gehen.

 

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