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Freud / Pfister: Zukunft Illusion PDF Drucken E-Mail
  • thumb_freud_pfister_zukunft_grauSigmund Freud / Oskar Pfister
  • Die Zukunft einer Illusion / Die Illusion einer Zukunft
  • Herausgegeben und mit Nachwort von Haimo L. Handl
  • Illustration von Robert Petschinka
  • Driesch Reihe # 5
    Format 21 x 21 cm, 60 Seiten, Broschur,
    € 5,00
    © Driesch Verlag, Drösing 2014
    ISBN 978-3-902787-27-9

Im September 2014 erschienen.
 
 
 
 
Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion
Erstveröffentlichung: Intern. Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, Wien und Zürich 1927
Oskar Pfister: Die Illusion einer Zukunft. Erstveröffentlichung in IMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XIV (1928) 2-3
Herausgegeben von Haimo L. Handl
Umschlag unter Verwendung einer Portraitfotografie Freuds von Ludwig Grillich, ca. 1905 (vorne) und von Ferdinand Schmutzer, 1926 (hinten).
Illustration von Robert Petschinka (www.petschinka.at) 
 

Nachwort

Sigmund Freuds Religionskritik

Religionskritik, besonders von Atheisten unternommen, ist nach wie vor anstößig bzw. wird als lächerlich abgetan. Sigmund Freud, Atheist, innerhalb seines biologistisch-mechanistischen Weltbildes der Aufklärung verpflichtet, wagte sich an eine Religionskritik, wie nur wenige andere.

Er mag in einigen Gedankengängen für uns zu kurz gegriffen haben, mag die Vernunft, wie einige andere Aufklärer auch, dennoch überschätzt haben, wiewohl er pessimistisch der Vernunft nur eine leise Stimme zugestand, die im Lärm der Geängstigten, extrem Triebbestimmten, als welche sich die Religiösen sei je ausweisen, leicht zu überhören ist.

Heute, in konservativen, ja reaktionären, barbarischen Zeiten der Gegenaufklärung bzw. religiösen Verdunkelungen, insbesondere durch den Islam, der als antimodernes Ressentiment gegenwärtig Triumphe feiert, wie anno dazumal die Nazis und Faschisten, scheint die nüchterne Kritik vom Schlage Freuds wichtiger denn je.

Man darf sich durch die überreiche Kritik an Freud, seiner Psychoanalyse, seiner Theorie (oder seinen Theorien) nicht vorschnell irre machen lassen. Klar, vieles ist überholt, kritikwürdig bzw. reformiert zu überholen. Aber das hat Freud selbst schon festgestellt, weil er seine Arbeiten nicht als Glaubenssätze sah, sondern als wissenschaftliche, die der Änderung und Entwicklung unterliegen, bis hin zur Rückweisung angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nur, Religion ist keine Wissenschaft. Sie operiert nicht argumentativ, sondern persuasiv. Sie tröstet, sie verschafft vermeintliche Sicherheit, während Wissenschaft Unsicherheit erzeugt und mehr Fragen generiert als Antworten.

C. G. Jung stellt Freud in die Ecke des kalten Ungläubigen, ja Unkultivierten, des heimatlosen Juden und ewigen Nomaden, der eben keine Kultur zu schaffen vermöge. Im Aufsatz „Sigmund Freud als kulturhistorische Erscheinung“ (1932) hält er fest: „Er hat die Leidenschaft des Aufklärers, – eines seiner Lieblingszitate ist Voltaires ‚Ecrasez l’infâme’ – mit Genugtuung weist er darauf hin, was ‚eigentlich dahinter stecke’, und alle komplexen seelischen Erscheinungen, wie Kunst, Philosophie und Religion, erscheinen ihm verdächtig, ‚nichts als’ Verdrängungen des Sexualinstinktes, zu sein. Diese wesentlich reduktive und negative Einstellung zu anerkannten Kulturwerten beruht bei ihm auf historischer Bedingtheit. Er sieht, wie sein Zeitalter ihn zu sehen zwingt. Am deutlichsten tritt dies zutage in seiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“, wo er von der Religion ein Bild entwirft, welches aufs Haar genau dem Vorurteil des materialistischen Zeitalters entspricht.“

Jung hält etwas fest, das trivial und banal ist. Niemand kann außerhalb seiner Zeit sein. Aber das Urteil, jemand habe einem Sichtzwang gehorcht, müßte doch belegt werden. Das entgeht dem Schweizer wotangläubigen Deutschtümler, der sich willig den Nazis andiente und das jüdische Element der Psychoanalyse kritisierte, dass einiges des Befundes auf jedermann, also auch ihn, den Carl Gustav, zutrifft. Wessen Zwang erlag er? Keinem? Wie das? Dann wiegt seine Schuld und Verstrickung noch mehr, als wenn man gnädig den Zug der Zeit in Rechnung stellt. Die Schwächen und Verfehlungen betreffen nämlich nicht nur den schnöden Womanizer, den Frauenheld und sein zynisches Gebaren mit der Ware Frau, sondern sie betreffen seine Lehre von den Archetypen, seine arische Version der Psychologie.

Interessant, wie der Schweizer von Zürichs Goldküste von Freud befindet: „Er ist ein großer Zerstörer, der die Fesseln der Vergangenheit zersprengt. … Wie Nietzsche, wie der Weltkrieg, so ist auch Freud, wie sein literarisches Gegenstück Joyce, eine Antwort auf die Krankheit des 19. Jahrhunderts.“

Jung war wohl die Antwort der Krankheit des 20. Jahrhunderts, oder wie will man seine Kumpanei mit dem Ungeist erklären? Als besondere Kulturleistung eines Psychologen, der Freud jede Psychologie abspricht (so im Aufsatz „Sigmund Freud“ aus Freuds Todesjahr 1939)? „Freud war ein ‚Nervenarzt’ und ist es in jeglicher Hinsicht auch immer geblieben. Er war kein Psychiater, kein Psycholog und kein Philosoph.“ Freud ist nicht nur der Zerstörer, sondern auch der Nihilist: „Aus der Gedankenwelt Freuds tönt uns darum ein erschütterndes, pessimistisches ‚Nichts als’ entgegen. Nirgends öffnet sich ein befreiender Durchblick auf hilfreiche, heilende Kräfte“…

Aber Jung und seine Psychologie haben in den Dreißigerjahren das Heilende gesehen, den Durchblick gelehrt, deutsch, national, nationalsozialistisch, zeitgemäß. Der Atheist Freud als Negativist, der religiöse Psychiater und Archetypler Jung als Heilsbringer. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Theodor W. Adorno, der von seiner Reserviertheit gegen Freuds Psychoanalyse nie ein Hehl machte, zeigt jedoch, dass Kritik auch fair und differenzierend sein kann:

„Freud ist nicht vorzuwerfen, daß er das konkret Gesellschaftliche vernachlässigte, sondern daß er sich allzu leicht beim gesellschaftlichen Ursprung jener Abstraktheit beruhigt, bei der Starrheit des Unbewußten, die er mit der Unbestechlichkeit des Naturforschers erkennt. Die Verarmung durch endlose Tradition des Negativen hatte er als eine anthropologische Bestimmung hypostasiert. Geschichtliches wird Begebenheit. Beim Übergang von den psychologischen imagines zur geschichtlichen Realität vergißt er die von ihm selbst entdeckte Modifikation alles Realen im Unbewußten und schließt darum irrig auf faktische Begebenheiten wie den Vatermord durch die Urhorde.“

Und an anderer Stelle eine Kritik an der Psychoanalyse: „Das Ich, als entsprungenes, ist ein Stück Trieb und zugleich ein anderes. Das kann die psychoanalytische Logik nicht denken und muß alles auf den Nenner dessen bringen, was das Ich einmal war. … Nicht erst in ihrer Verfallsform auf dem Markt, schon im Ursprung paßt die Psychoanalyse in die herrschende Verdinglichung. Wenn ein berühmter analytischer Pädagoge den Grundsatz aufstellt, man müsse asozialen und schizoiden Kindern versichern, wie gern man sie habe, so verhöhnt der Anspruch, ein abstoßend aggressives Kind zu lieben, alles, wofür die Analyse stand; gerade Freud hatte einmal das Gebot der unterschiedslosen Menschenliebe verworfen. (50) Sie paart sich mit Menschenverachtung: darum taugt sie so gut zur Branche des Seelenhelfers. Sie tendiert ihrem Prinzip nach dazu, die spontanen Regungen, die sie freisetzt, einzufangen und zu kontrollieren: das Unterschiedslose, der Begriff, unter den sie die Abweichungen subsumiert, ist allemal zugleich ein Stück Beherrschung. Die Technik, welche konzipiert war, um den Trieb von seiner bürgerlichen Zurichtung zu heilen, richtet ihn durch seine Emanzipation selber zu.“ (Soziologische Schriften I) Anmerkung 50: „Eine Liebe, die nicht auswählt, scheint uns einen Teil ihres eigenen Werts einzubüßen, indem sie an dem Objekt ein Unrecht tut … es sind nicht alle Menschen liebenswert.“ (Freud, Das Unbehangen in der Kultur, GW Bd.14)

Bei Adorno und Horkheimer ist in der „Dialektik der Aufklärung“ (Elemente des Antisemitismus – Grenzen der Aufklärung) eine eigene Religionskritik zu lesen, die damals radikaler formuliert worden war, als in einigen späteren Schriften, und die heute angesichts der neuen Umtriebe sich eindringlich aktuell liest:

„Die obskuren Systeme heute leisten, was dem Menschen im Mittelalter der Teufelsmythos der offiziellen Religion ermöglichte: die willkürliche Besetzung der Außenwelt mit Sinn, die der einzelgängerische Paranoiker nach privatem, von niemand geteiltem und eben deshalb erst als eigentlich verrückt erscheinendem Schema zuwege bringt. Davon entheben die fatalen Konventikel und Panazeen, die sich wissenschaftlich aufspielen und zugleich Gedanken abschneiden: Theosophie, Numerologie, Naturheilkunde, Eurhythmie, Abstinenzlertum, Yoga und zahllose andere Sekten, konkurrierend und auswechselbar, alle mit Akademien, Hierarchien, Fachsprachen, dem fetischisierten Formelwesen von Wissenschaft und Religion. Sie waren, im Angesicht der Bildung, apokryph und unrespektabel. Heute aber, wo Bildung überhaupt aus ökonomischen Gründen abstirbt, sind in ungeahntem Maßstab neue Bedingungen für die Paranoia der Massen gegeben. Die Glaubenssysteme der Vergangenheit, die von den Völkern als geschlossen paranoide Formen ergriffen wurden, hatten weitere Maschen. Gerade infolge ihrer rationalen Durchgestaltung und Bestimmtheit ließen sie, wenigstens nach oben, Raum für Bildung und Geist, deren Begriff ihr eigenes Medium war. Ja sie haben in gewisser Weise der Paranoia entgegengewirkt. Freud nennt, hier sogar mit Recht, die Neurosen »asoziale Bildungen«; »sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit entstand«. (…)

Die Mitglieder haben Angst davor, ihren Wahnsinn allein zuglauben. Projizierend sehen sie überall Verschwörung und Proselytenmacherei. Zu anderen verhielt sich die etablierte Gruppe stets paranoisch; die großen Reiche, ja die organisierte Menschheit als ganze haben darin vor den Kopfjägern nichts voraus. Jene, die ohne eigenen Willen von der Menschheit ausgeschlossen waren, wußten es, wie jene, die aus Sehnsucht nach der Menschheit von ihr sich selbst ausschlössen: an ihrer Verfolgung stärkte sich der krankhafte Zusammenhalt. Das normale Mitglied aber löst seine Paranoia durch die Teilnahme an der kollektiven ab und klammert leidenschaftlich sich an die objektivierten, kollektiven, bestätigten Formen des Wahns. Der horror vacui, mit dem sie sich ihren Bünden verschreiben, schweißt sie zusammen und verleiht ihnen die fast unwiderstehliche Gewalt.“

Oskar Pfisters Kritik an Freuds Aufsatz stellt die Kehrseite dar. Pfister (1873-1956), Theologie, Seelsorger und Pastoralpsychologe, unterhielt mit Freud seit 1909 eine Freundschaft und einen Briefwechsel bis zu dessen Tod. Freud äußerte seine Verwunderung, wie ein gescheiter Psychoanalytiker zugleich religiös sein konnte; sah aber keine unüberbrückbaren Abgründe zwischen seiner und Pfisters Auffassung. Freud war nicht vulgär-materialistisch gegen die Religion, wiewohl er an seiner Kritik unverbrüchlich festhielt. Oskar Pfister veröffentlichte 1944 das Buch „Das Christentum und die Angst. Eine religionspsychologische, historische und religionshygienische Untersuchung“. Pfisters Kritik, deren Veröffentlichung Freud in seiner Zeitschrift IMAGO ermöglichte, belegt fürwahr die Macht des Religiösen. Zugleich indiziert sie, welcher Anstrengungen es (noch) bedarf, die Aufklärung und Emanzipation (auch von der Religion) fortzuführen.

Trotz aller Kritik an Freuds Limitationen zeigt sich der Kern seiner Überlegungen als ausbaubar. Der denkende Leser kann mit Freud über ihn hinaus lesen und weiterführen, wozu er Einiges zutage gefördert hat.

Dazu wollen wir hier mit dieser kleinen Broschüre beitragen, mit dem erneuten Blick auf die Zukunft einer Illusion, einer Illusion, die eine sehr starke, beständige scheint, eine schier allumfassende und erdrückende. 

Haimo L. Handl

 

 
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