Driesch # 10: Heimat

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Driesch Ausgabe # 10 / Juni 2012

homeland (home country)

Driesch issue # 10 / June 2012

 
Wird am Freitag, 29. Juni 2012 in der Galerie GRENZART, Hollabrunn, präsentiert.


Videotrailer

 

 

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Inhaltsverzeichnis:

 

Impressum

préface

Wolfgang Ratz: Die Rutsche der Zeit; Flexibles Glück

Margit Heumann: Heimat ist ein dehnbarer Begriff

Johannes-Paul Kögler: Siebenmal Deutschland / Wo ich herkomme

Frederike Aiello: Vor dem Haus. Fotografie

Wolfgang Christl: Heimat

Jens Dittmar: Schweizerkrankheit

Joanna Lisiak: Ich sah sie sofort

Elfie Resch: Zurückgelassen

Beatrix Kramlovsky: Ferndiagnose

Dieter Berdel: heimatabend, gesellig geschüttelt

Wolfgang Kühn: Heimatgedicht

Harald Jöllinger: heimat / Umwelt

Thomas Hofmann: Brünnerstraßler ABC

Wolfgang Galler: Pädagogisch wertvolle Weinviertler Heimatgeschichte

Thomas Soxberger: Der Waldmensch – Ein Poem auf jiddisch und deutsch

Sabina Sagmeister: Ba ins, im Burgenlaund; Bau’lschteaz

Andreas Tiefenbacher: Mein Goisern

René Oberholzer: Heimat II / Ausblick / Die Neue; Zweisilbige Schweiz / Ruth

Sonja Bachmayer: Hausfront. Fotografie

Roland H. Handl: Architektur. Fotografie

Kay Lynn Rudolph: makame für die heimat suchenden

Christl Greller: Meinhund

Susana Szwarc: Horas / Stunden

Cao Nai Yun: Vier Gedichte über die Heimat / 乡四首

Inesse Finkelshtein: Wohin flüchten? / Инесса Финкельштейн: КУДЫ БЕЖАТЬ, ЧЕГО ШУКАТЬ?

Ildikó Balázs: Auf Falterflügeln – zum Kind geworden / Pilleszárnyon - gyermekké lenni

Štefan Moravčik: Zahorie je brovica obrovská / Záhorie: weit und breit nur Kiefernwald

Martin Benka: Osudové miesta / Schicksalsorte

Vojtech Kondrót: Malé Karpaty / Kleine Karpaten

Stanislav Pavol: Senicke rána / Morgen in Senica

Milan Rúfus: Korene / Wurzeln

Rudolf Sloboda: Morava / March

Vladimír Reisel: Domov / Heimat

Silvia Hlavin: Rosen ohne Stacheln

Peter Paul Wiplinger: Da oandare Naochboa / Graffiti; Fotografie

Chiara Madarese: La biblioteca sovvertita / The overthrown library

Heide Breuer: Rückkehr

Barbara Unger-Wiplinger: Gesäumt

Artur Rosenstern: Mein Leben am Ende der Welt

Gabriele Folz-Friedl: sittenbild mit hase

Karin Seidner: Die Omama im Kirchenraum / Mutterland

Edeltraud Wiesmayr: aus dem westen nichts ...

Mario Karl Hladicz: Erinnerung an W.

Nicole Mahal: Die schreckliche Geschichte von den chinesischen Vögeln

Beppo Beyerl: Der Vaterhof

Haimo L. Handl: Abwesenheit / Fotografie aus dem Ghetto

Martin Neid: Naja / Magisches Auge

excavations:

Friedrich Wilhelm Wagner: Kleine Stadt

Max Herrmann-Neiße: Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen /

Mir bleibt mein Lied

James Joyce: Nightletter (from Finnegans Wake)

Dominik Riedo: Nackbrief (Übersetzung James Joyce)

Martin Dragosits: Mehr als drei Wünsche

Franz Blaha: Weeche Fiass

essais:

Franz Blaha: Vertreibung aus der Muttersprache

René Oberholzer: „Meine Heimat ist die deutsche Sprache“ – Zur Heimat und Heimatlosigkeit von Aglaja Veteranyi (mit 2 Porträtfotografien)

Wolfgang Galler: Hohenau

Maria Hammerich-Maier: Sprung mit kurzen Beinen

Natascha Vittorelli: Mein Jugoslawien

Martin Zehr: Heimat: Gravity of the Personal Universe

Brigitte Pamperl: Wald, 2 Fotografiken

Archiv: 4 Titelbilder von Zeitschriften

Frederike Aiello: Männer auf der Bank. Fotografie

Johann Anglberger: Bücher; Fotografie

commentaries:

Roman Kopřiva: Heimat bist du großer Zwerge. Jiří Grušas „Beneš als Österreicher

Gabriele Folz-Friedl: Ein (Trachten)Anzug, der allein spazieren geht. Christian Krachts Roman „Imperium

Gabriele Folz-Friedl: Dort & anderswo. Essays von Klaus Ebner

Gabriele Folz-Friedl: Das Leben im Senfglas. Emily Waltons „Mein Leben ist ein Senfglas“

Franz Blaha: Jens Dittmars neue Erzählungen

Franz Blaha: Losgesagt. Dagmar Fischers Lyrikbuch

Franz Blaha: Ivan Klimas „Stunde der Stille“

Haimo L. Handl: Jiří Holýs „Tschechische Literatur 1945-2000“

Louis Chrsitian Wolff: Geschweige denn Ostrava ... Neue Literatur aus Tschechien

Haimo L. Handl: Die. Zeitschrift „KulturBegegnungen“ aus Miesbach

Liste der Autorinnen & Autoren

 

František Sysel: Zimmer; Fotografie

 



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Fotografie von Roland H. Handl



 

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Fotografie von Brigitte Papmperl

 

 



 

préface

 

Heimat ist ein vieldeutiger Begriff, der in Österreich und Deutschland durch die Nazizeit korrumpiert worden ist, weshalb dort sein Gebrauch, seine Bedeutung, in Verruf geraten sind, was sich kulturell besonders in den Umbruchzeiten der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts schlimm auswirkte, weil sich kritisch Dünkende gegen alles was mit Heimat oder heimatlich zu tun hat, opponierten, als ob es etwas Negatives, Unanständiges, Überholtes wäre.

 

Aber nicht nur in den ehemaligen nazistischen Ländern Deutschland und Österreich bekam der Heimatbegriff einen negativen Beigeschmack. Auch in der Schweiz war „Heimat“ in Verruf geraten, und Distanz oder Verulkung bestimmten lange das Feld.

 

Während in anderen Ländern, insbesondere den USA, deren Populärkultur mit ihrem Heimatverständnis die Welt überspülte, niemand mit lokalem, regionalem oder nationalem Bezug und Mythenpflege Probleme hatte und hat, wurde und wird in Deutschland und Österreich Heimat unter Verdacht gestellt. Es herrscht hier keine Souveränität und keine Freiheit, neben den Heimat- und Deutschtümlern, durchaus einen positiven Heimatbegriff zu pflegen. Man überließ das Feld sozusagen den „Reaktionären“ oder Konservativen. Erst langsam ändert sich das mit den nachkommenden Generationen. Entsprechend dieser Problematik fand das gestörte Heimatverhältnis seinen Ausdruck in der Kultur, Literatur, Film und Musik.

 

Betrachtet man die literarische Produktion seit dem 2. Weltkrieg, scheint eine zum vorigen Gebot der Heimattreue nach der engen Definition der Nazis gegenübergesetzte „Verpflichtung“, ein gewisser Auftrag, zu herrschen, sich nur negativ oder besonders kritisch mit der Heimat abzugeben. Das Lager war von vornherein geteilt in Heimatkitsch, verdächtige Pseudoheimatpflege einerseits, und kritische, meist ablehnende Behandlung der Heimatthemen andererseits. Wer sich kritisch verstand, pflegte kein positives Heimatbild.

 

 

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Fotografie von Frederike Aiello

 

Kultürlich gab es in Deutschland und Österreich, ja auch in der Schweiz, eine (kommerzielle) Verkitschung des Themas „Heimat“. Die stieß stärker auf als jene des angelsächsischen oder frankophonen Raums.

 

Seit der Wende und Wiedervereinigung Deutschlands floriert wieder Heimat, wobei durchaus entgegengesetzte Ausgangsbasen bzw. Zielrichtungen in der Reflexion der Heimaten bzw. Familiengeschichten, die mehr und mehr das Feld bestimmen, auszumachen sind: Heimat geteilt. Grenzwege der Heimat. Die Heimattraumata hüben und drüben. Schreibseminare, um die Heimat zurück zu erobern.

 

In der globalisierten bzw. sich weiter globalisierenden Welt gewinnt Heimat einen neuen Stellenwert. „Fremde Heimat“, „Heimat in der Fremde“, Ersatzheimaten und vieles mehr, gewinnen an Gewicht. Vieles ist dabei nicht neu, aber wird neu bewusst, z. B., dass Heimat nicht nur fixer, geografischer Bezug sein muss, dass man auch in Kulturen (Sprachen!) Heimat finden kann. Heimat wird einerseits verstärkt zu einem wählbaren Bezugsbegriff, dem allerdings, wie früher, die „Gebundenen“ gegenüber stehen, die nirgends woanders Heimat finden können oder wollen, auch wenn sie aus ihrer Heimat, freiwillig oder gezwungen, auswandern. Dann verlangen sie sogar, dass ihre Leichen in ihrer wahren Heimat beerdigt werden. Der Widerspruch an Basiswerten, der damit belegt ist, wird aber tabuisiert.

 

„Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfremdung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und leichtesten, wenn auch am leisesten vor sich.“

Wilhelm von Humboldt 1827 (Briefe an eine Freundin)

 

Sprache, und die Kultur, der sie eignet, aus der sie stammt und in welcher sie lebt, war auch ein Dauerthema des österreichischen Dichters Hugo von Hofmannsthal, nicht zuletzt in seiner Rede vom 10.1.1927 an der Universität München, „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“.

 

 

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Fotografie von Johann Anglberger
 
 

Welche Sprache bietet Heimat? Das ist nicht so eindeutig und klar, wie es scheint. Die erste Muttersprache, der Dialekt, oder die zweite, die Hochsprache, das nationale Idiom? Das hat mit gesellschaftlichem Umfeld, der Klasse zu tun, mit Sprachpolitik als Politik.

 

Der Dialekt ist beschränkt. Räumlich und, fast möchte man ketzerisch sagen, ohne ihn eigentlich abwerten zu wollen, geistig. Er ist und bleibt lokal. In unseren Tagen schwindet die Bedeutung des Dialekts dahin, weil für sein Gedeihen eine gewisse Abgegrenztheit nötig ist, ein lokales Gruppenübereinkommen für die gemeinsame Sprachpflege. Je stärker dieses Gemeinschaftliche schwindet (wegen der Mobilität und gesteigerten Individualität, auch wenn diese eine Selbsttäuschung sein mag), desto geringere Chancen für den Dialekt. Dialektpflege hat etwas Sektiererisches, wie Brauchtumspflege ohne gelebtes Brauchtum: es wird museal. Könnte der Dialekt auch in einer pluralistischen, mobilen, beschleunigten Gesellschaft sich halten? Vermutlich nicht; was bleibt, ist die Färbung der Umgangssprache.

 

Wer erlangt in der Hochsprache Heimat? Viele nicht. Was bedeutet das? Eine kulturelle Schwächung: das eine nicht mehr habend, das andere nie erlangend, ein nicht erstarktes Wesen, so recht abhängig und zugänglich den Betreuungsvorrichtungen unserer Zeit. Solche Personen werden sicher froh sein, in einer Art Allerweltssprache zu verkehren, sich zu vernetzen und möglichst viel „online“ zu kommunizieren, wo, bei Verdacht oder Bedarf, nicht selbst gedacht, nachgedacht werden muss, sondern abgerufen werden kann, auch sprachlich...

 

 

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Fotografie von Peter Paul Wiplinger

 

Was heißt also daheim sein, zu Hause sein, Heimat haben? Kann man seine Heimat innerlich mit sich nehmen? Oder ist die Heimat an den Ort fixiert? Verwurzelt sich der Mensch mit Blut und Boden?

 

"Der Mensch schlägt in der Erde keine Wurzeln; er ist mit dem Boden nicht verwachsen. Der Mensch ist kein Feld, keine Wiese, kein Vieh; daher wird er auch nie Eigentum sein können. Der Mensch hat die inneren Empfindung dieser heiligen Wahrheiten; daher wird man ihn nicht davon überzeugen können, daß seine Herren das Recht haben, ihn an die Scholle zu ketten."

Mirabeau, 1791 in der Nationalversammlung

 

Es gab und gibt Zeiten und Menschen, die nicht auf Heimat stolz waren, sondern Heimatlosigkeit. Nicht nur Nomaden, Fahrende, Wandernde, haben eine nicht örtlich fixierte Heimat; sie verstehen Heimat anders als der verwurzelte Sesshafte.

 

In seinem Aphorismus „Wir Heimatlosen“ schreibt Nietzsche:

 

Es fehlt unter den Europäern von heute nicht an solchen, die ein Recht haben, sich in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose zu nennen - ihnen gerade sei meine geheime Weisheit und gaya scienza ausdrücklich ans Herz gelegt! Denn ihr Los ist hart, ihre Hoffnung ungewiß, es ist ein Kunststück, ihnen einen Trost zu erfinden - aber was hilft es! Wir Kinder der Zukunft, wie vermöchten wir in diesem Heute zu Hause zu sein! Wir sind allen Idealen abgünstig, auf welche hin einer sich sogar in dieser zerbrechlichen, zerbrochenen Übergangszeit noch heimisch fühlen könnte; was aber deren »Realitäten« betrifft, so glauben wir nicht daran, daß sie Dauer haben. Das Eis, das heute noch trägt, ist schon sehr dünn geworden: der Tauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind etwas, das Eis und andre allzudünne »Realitäten« aufbricht...

 

Bemerkenswert, wie er Heimatlosigkeit mit Zukunftsorientierung einerseits verbindet und der Erkenntnis, dass man „in diesem Heute“ NICHT zu Hause sein kann, was an den Satz von Adorno erinnert, dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe.

 

Nietzsche, der Freidenker, wusste aber auch: „Aus der Ferne und im Auslande sieht man die Dinge der Heimat nicht gerade schwarz oder weiß, aber gewiß nicht so bunt als sie wirklich sind: man vereinfacht die Farben.“ Hier also ermöglicht der direkte Heimatbezug Vielfalt, Buntheit, Farbigkeit. Andererseits wird der Blick von außen nicht einfach „richtiger“ oder klarer, sondern nur anders (eine Überlegung für die interkulturelle Kommunikation).

 

Vor einigen Jahren war in der Neuen Zürcher Zeitung eine Artikelfolge zum Thema „Heimat“ zu lesen (NZZ 27.8.2005). Im Einleitungsbeitrag „Trauerbeit“ stand zu Beginn:

 

Von Heimat reden wir, wenn sie uns fehlt. Sie ist so gesehen immer Vergangenheit. Kindlich-neugierige Welterfahrung, heile Beziehungen, Harmonie zwischen Mensch und Natur - das erscheint im Rückblick als ihre Essenz, wenn wir verpflanzt worden sind in die raueren Gefilde des Erwachsenseins. In ein Berufsleben, das Schwächen nicht mit biografischen Wechselfällen entschuldigt, in dem einzig die Leistung im Heute zählt.

 

Der Schlussabsatz des kurzen Artikels liest sich so:

 

Heimat ist im Idealfall ein in der Erinnerung konserviertes Bild, eine Ressource auch, die sich von der Vergewisserung der Wurzeln nährt. Reminiszenzen der Herkunft werden gern in eine zukunftssüchtige Gegenwart transportiert. Über solche Relikte zwischen Folklore und Kitsch mag man sich mokieren, man kann aber auch würdigen, dass sie Kohärenz zwischen dem Gestern und dem Heute nicht nur versprechen, sondern mitunter tatsächlich schaffen.

 

Der Boden, die Verwurzelung gilt also immer noch stark. Doch gewisse Reservierungen und  Anzweifelungen sind nicht zu überhören.

 

 

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Fotografie von Sonja Bachmayer

 

 

Heimatlosigkeit wird als bedingtes Schicksal von Emigranten und Flüchtlingen gesehen. Aber das unterstellt, dass sie andere Heimat hätten, dort, wo sie sind, heimisch wären. Das gilt jedoch nicht unbedingt. Viele leben daheim und sind nicht heimisch, fühlen sich nicht wohl, sondern fremd. Heimat bleibt also widersprüchlich.

 

Heimat wird sogar als negatives Gegenteil von Weltläufigkeit gesehen: Der Moderne braucht keine Heimat, er lebt „in der Welt“, ist ein wurzelloser Kosmopolit. In der Kontroverse um Heidegger wird dessen Heimatlichkeit angegriffen:

 

Der eine klebt zu fest an seiner Heimat, der andere wird als borniert gesehen, weil er zu heimatbezogen scheint. Das Problem beschäftigte die Öffentlichkeit eine zeitlang intensiv. Braucht man in der globalisierten Welt überhaupt Heimat? Es scheint, dass die globalisierte Welt noch unübersichtlicher geworden ist, als sie Jürgen Habermas in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gesehen hat. Das erwirkt eine eigentümliche Renaissance von Selbst- und Familienbezug, von Heimat. Der besondere Stellenwert von allem Heimatlichen bei Migranten ist nicht zu übersehen.

 

 

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Fotografie von Frederike Aiello

 

 

Heimat ist in aller Munde. In der verkitschten Volksmusik, in den Schlagern oder in der Popmusik, in den zögerlichen Antworten auf der Straße Befragter, in den Fachartikeln professioneller Sinndeuter, Therapeuten, Soziologen und Philosophen. Dass der Heimatbegriff sich verdünnt hat, an Tiefe oder Klarheit verlor, korrespondiert bzw. resultiert aus der Werteschwäche, die wir nicht nur im Westen erkennen können.

Kein Mensch wird „heimisch“ in die Welt geboren. Als Erstes erfährt er Fremdheit. Über den langwierigen, schmerzvollen Prozess der Sozialisation findet er zu sich, als Gemeinwesen integriert in die Umwelt, die seine Welt wird. Der Reifungsprozess kann als Weg der Heimatwerdung gesehen werden. Der Mensch braucht lange, bis er „daheim“ ist, heimisch. Auch seine eigene Persönlichkeit muss sich entwickeln. Der Mensch wird, was er ist. Sigmund Freud bemerkte in seiner Vorlesung: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit: „... das Verdrängte ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland, so wie die Realität – gestatten Sie den ungewohnten Ausdruck – äußeres Ausland ist.“

Danach liegt die Realität außen, draußen, während das Innere ein inneres Ausland ist, eine spezifische, andere Realität. Heimat bedingt ein fremdes Gegenüber, ähnlich, wie das Individuum sich von anderen kontrastieren muss. Der Identitätsbegriff wäre ohne Grenze bzw. Abgrenzung widersinnig und unmöglich. Deshalb greifen auch allgemeine Forderungen nach einer einzigen Heimat für alle Menschen zu weit, widersprechen sich, sind irrig: Wenn alles Heimat bildete oder bilden könnte, wären der Begriff und die Sache untauglich, nichtssagend, verschwommen, weil diffus und ohne Charakter.

Wenn viele heute in einem verkürztem Denken eine neue Heimatlosigkeit zugunsten einer weltumfassenden Allheit fordern, sprechen sie sich gegen die Person, die Persönlichkeit, das Heimische aus zugunsten einer entpersönlichten Welt. Das Entpersönlichte bzw. Unpersönliche aber ist das Inhumane. Der Mensch hat und braucht Heimat ebenso wie die weite Welt. Das Eine ist nicht ohne das Andere.

H. L. Handl

 

 

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Fotografie von Roland H. Handl



 

Biographien der Beiträgerinnen und Beiträger:

 

 

 

Frederike Aiello, * 1958, lebt in Hard/Vbg. als freie Fotografin, absolvierte im Juni 2011 die Meisterprüfungund ist Mitglied der österreichischen Berufsfotografen. http://frederikeaiello.com

Hans Anglberger, * 1968 in Braunau/Inn, aufgewachsen in Schalchen/OÖ. Lebt seit 1988 in Wien als Bibliothekar. Organisation und Durchführung zahlreicher Literaturveranstaltungen. Publikationen in den Zeitschriften MACONDO (Bochum), DUM und Morgenschtean sowie in Anthologien, zuletzt in der von Anton G. Leitner herausgegebenen Reihe posie 21: Drei Sandkörner wandern : Luft & Erde ; Gedichte / Gabriele Trinckler (Hrsg.) (Poesie 21 ; Bd. 33).

Sonja Bachmayer,  * 1960 in Ybbs a.d. Donau. Aufgewachsen mit Kühen, Schweinen und Federvieh, Matura in der traurigsten Stadt NÖ (St. Pölten, danach in östlicher Richtung verzogen und Ethnologie studiert. Lebt in Wien. 2008 Teilnahme an Ausstellungen der VHS, 2010 Lehrgang der Fotografie an der Fototschule Wien, Teilnahme an drei Ausstellungen im Rahmen des Monats der Fotografie: „Armut in Österreich", „Ansichtssache" und „Westseits" (im Rahmen von Westseits Jurypreis für den 14. Bezirk gewonnen), Fotobücher „Woodquarter" und „La Pioggia in Venecia" publiziert bei  http://www.blurb.com/user/eyecon-fotos Derzeit Fortsetzung der Ausbildung an der Fotoschule Wien, geplante Teilnahme an Ausstellung der Lebenshilfe Wien und Ausstellung im Rahmen des „International Pinhole-Day" der Fotoschule Wien. Portfolio unter: http://www.flickr.com/photos/eyecon_sonne/ , eigene Homepage (frühe Arbeiten, Gedichte und Malerei) unter: http://8ung.at/somoflo/  Ildikó Balázs, * 1965 Neumarkt am Mieresch (Siebenbürgen, Rumänien),. Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin, 3 Buchpublikationen (siebenbürgische Literatur­geschichte und Publizistik), ungarische Übersetzerin der Wiener Schriftstellerin Christl Greller (Törések, A pillangólábú, zartART). www.rotmacska.gportal.hu

Benka, Martin, geb. 1888 in Kostolište, gest. 1971 in Malacky/Záhorie. Bedeutender slowakischer Maler, Wegbereiter der slowakischen Moderne

Dieter Berdel, * 1939 in Kittsee (Burgenland), lebt als freischaffender Gestalter und Schriftsteller in Wien. Studium Möbelbau und Industrie-Design. Mitbegründer des Instituts für Soziales Design. Erste Veröffentlichungen von Gedichten und Texten in "neue wege" 1959/60; denen viele weitere in Anthologien, Zeitschriften und eigenen Buchpublikationen folgten. Mitglied der GAV sowie  Österr. Dialektautoren ÖDA.

Beppo Beyerl, * 1955 in Wien, lebt in Wien und in Vitis, schreibt Bücher für Erwachsene und Kinder, verfasst Auslandsreportagen für Wiener Tageszeitungen. www.beppobeyerl.at

Franz Blaha, * 1945 in Wien. Lyrik in Wiener Mundart, Schriftsprache und Englisch, Kurzprosa. Veröffentlichungen in diversen Anthologien, langjährige Leitung der Schreibwerkstätte einer Straßenzeitung, Gerichtskiebitz für diese Zeitung, pedantes Korrekturlesen, Buchlektorate und -rezensionen, neuerdings redaktionelle Mitarbeit bei der Zeitschrift Driesch.

Rike Bolte, Lateinamerikanistin, Moderatorin, Autorin & Übersetzerin. Lebt in Berlin.

Heide Breuer,  * 1942 in Baden/NÖ, Lehrerin, Keramikerin und Schriftstellerin. Jüngste Veröffentlichung: Die Türme von Indigo. Weimar 2006. Der neue Roman "Die Zwillinge von Van" wird demnächst erscheinen. www.heide-breuer.com

Cao Nai Yun, Univ. Prof. Dr., * 1945 in der Provinz Jiang Su, China; Professor für Germanistik an der Pädagogischen Universität Hua Dong, Shanghai, Mitglied des Schriftstellerverbandes China. Arbeitet als Übersetzer und Herausgeber klassischer und zeitgenössischer deutscher Literatur: Er hat ca. 50 Übersetzungen herausgegeben, u. a. "Das Narrenschiff" (Sebastian Brant), "Nibelungenlied", Grimmsche und Andersens Märchen, Erzählungen aus 1001 Nacht, Gedichte von Josef von Eichendorff bzw. Werke von Ingrid Noll, Heinrich Böll, Michael Ende, Christoph Hein, Eva Huber u. a. Seit 2005 pensioniert; lebt gegenwärtig in Wiener Neudorf bei Wien.

Wolfgang Christl, * in Passau. Seit vielen Jahren in München wohnhaft. Mit dem Verfassen von Texten vor etwa 10 Jahren begonnen. Diese entstehen hauptsächlich auf Wanderungen und Reisen und sind in einigen Anthologien und Zeitschriften erschienen.  www.christl-muenchen.de

Jens Dittmar lebt in Liechtenstein, arbeitete nach dem Germanistikstudium als Lektor, Dramaturg und Geschäftsführer im Kulturbereich, bevor er sich seinen eigenen literarischen Projekten widmen konnte. Er hat mehrere Bücher herausgegeben, darunter eine Werkgeschichte im Suhrkamp-Verlag, die als Standardwerk der Bernhard-Forschung gilt. Jüngste Buchpublikationen: Basils Welt. Eine Zumutung (2010), Als wär’s ein Stück Papier, Erzählungen (2011); im Sommer 2012 erscheint „Sterben kann jeder“ bei Bucher, Hohenems, wo auch die früheren Bücher erschienen.

Martin Dragosits, * 1965 in Wien, lebt dort. Nach der Handelsakademie (kfm. Matura) arbeitet er zuerst als Software-Entwickler, später als Projektmanager und Teamleiter. Mit Anfang zwanzig erste Veröffentlichungen in österreichischen Zeitschriften. In den neunziger Jahren folgt eine Schreibpause. Beginnt 2002 wieder literarisch zu arbeiten, mehr als eintausend Gedichte entstehen. Seit 2005 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Online-Magazinen und Anthologien. 2007 erschien die Gedichtsammlung "Der Teufel hat den Blues verkauft", Lyrik, im Arovell Verlag, Oberösterreich, wo nächstens sein neuer Lyrikband ""Der Himmel hat sich verspätet" erscheint.  www.lyrikzone.at/

Inesse Finkelshtein, * 1966 in Tajikistan, lebt in Taschkent, Ausbildung in Usbekistan am Theater & Kunst Institut als Kunstkritikerin (1990), arbeitet als Schriftstellerin und Filmemacherin. War von 1983 bis vor kurzem engagiert als Journalistin für Magazine und Fernsehen. Ihr erste Buch "My hadj" erschien 1993. Mehr als sechs weitere Bücher publiziert in Usbekistan und Russland. Ihr Werk umfasst mehr als 4.000 Poems, Lieder und Essays. Sie wirkt(e) als Kuratorin für eine Reihe von künstlerischen Multimediaprojekten; Seit 1999 Mitglied der Schriftstellerverbände in Moskau und Usbekistan. www.inesse.cibc.ru/ 

Gabriele Folz-Friedl,  *1952 in Stuttgart, aufgewachsen in Köln und Friedrichshafen am Bodensee. Besuch der Akademie der bildenden Künste Stuttgart; zeitweise in Sozialberufen tätig. Ausstellungen in Deutschland, Österreich und der  Schweiz; seit 1986 Mitglied des Künstlerbundes März, Linz. Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Anthologien; der Roman "Die weiße Logik" steht vor seiner Veröffentlichung.

Wolfgang Galler, Mag.,  geboren 1978, ist Historiker, Autor und Ausstellungskurator. Er lebt, zumindest größtenteils, in Wolkersdorf im Weinviertel. Hin und wieder hat er die Gelegenheit, auch über dieses Weinviertel schreiben zu dürfen. Aktuelle Publikationen zum Thema Weinviertel sind unter anderem: Weinviertel Kochbuch; Tradition, Kultur, Küche, Wien 2011 (gemeinsam mit Manfred Buchinger). Das Weinviertler Brotbuch; Von Bauern, Müllern und Bäckern (erscheint im Hebrst 2012). Straßengeschichte(n); Handeslwege quer durch Europa, mitten durchs Weinviertel (gemeinsam mit Stefan Eminger; erscheint im Frühling 2013). Kulturgut Kellergasse im Katalog zur NÖ Landesausstellung 2013 (erscheint im Frühling 2013).

Christl Greller, * in Wien, lebt in Wien und NÖ, schrieb für die internationale Werbebranche und seit 1995 Lyrik und Prosa. 8 Buch-Veröffentlichungen. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, internat. Literaturzeitschriften, Internet und im ORF. Mehrere, teils internationale Auszeichnungen. Zahlreiche Lesungen im In- und Ausland, zuletzt Volkstheater Wien. Jüngste Buchpublikationen: Bildgebendes Verfahren, Gedichte, Resistenz Verlag 2009; Podium-Portrait Christl Greller, Neue Gedichte, 2010. Näheres: www.greller.at

Maria Hammerich-Maier, Mag., * 1961, 1988 - 1995 sowie seit 2001 als Hochschullehrerin im Fremdsprachenbereich an österreichischen, tschechischen und deutschen Universitäten und Hochschulen tätig. 1990 - 1995: Geschäftsführerin des bilateralen staatlichen Förderprogramms für Hochschulkooperationen AKTION Österreich - Tschechische Republik. Publikationen: Hochschulskriptum "Deutsch für das Bauingenieurwesen", Prag 1997 (2. Aufl.); "Wo sich Kulturen begegnen. Die Geschichte der tschechoslowakischen Juden" Prag 1994 (Übersetzung), sowie Fachaufsätze und Vorträge zur Sprachpolitik, Hochschulbildungspolitik, Fremdsprachendidaktik und soziologischen Entwicklung der Reformgesellschaften Mittel- und Osteuropas. Wissenschaftliche Assistentin am Fremdspracheninstitut der Wirtschaftshochschule der Skoda Auto AG in Mla dá Boleslav (Jungbunzlau), Nordböhmen. Arbeitet als Gerichtsdolmetscherin, Journalistin bei einem Radiosender in Prag und Schriftstellerin in Bayern und Prag.

Haimo L. Handl, Dr., * 1948 in Vorarlberg, lebt in Wien und im Weinviertel. Freiberuflicher Erwachsenenbildner, Publizist, Verleger. Studierte in Österreich und den USA, war zwei Jahrzehnte Universitätslektor für Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft. Redakteur bei kultur-online.net, gab für 10 Jahre das Online-Magazin ZITIG heraus; Geschäftsführer von GLEICHGEWICHT und DRIESCH Verlag. Mitglied des Literaturkreises PODIUM und der Grazer Autorenversammlung. www.handl.net/

Roland H. Handl, Dipl.Log., * 1949 in Vorarlberg, lebt im Waldviertel. Logistiker, war Unternehmer mit eigener Spedition. Engagements in Consulting & Projektmanagement (Logistik) sowie  Lehrlingsausbildung. Fotografiert sehr viel. www.gsiberger.net/

Margit Heumann, * 1949 in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter. Lebte mehrere Jahre in England und der Schweiz, über 30 Jahre in Deutschland und seit 2009 in Wien. Erste Veröffentlichungen im Vorarlberger Volkskalender und ORF. Freie Mitarbeiterin der Kinderzeitschrift Flohkiste. Eigener Islandpferdereitbetrieb mit Unterricht/Zucht/Beritt bis 2008. Seit 2009 in Wien, Mitglied einer Schreibwerkstatt, True-Story-Autorin, intensive Arbeit an literarischen Texten.   www.margitheumann.com

Mario Karl Hladicz, Mag., * 1984 in Graz, Studium der Germanistik und Anglistik/Amerikanistik. Versuche in Prosa. Veröffentlichungen in Zeitschriften (u.a. schreibkraft, DUM) und Anthologien.

Silvia Hlavin, * 1968 in Wien. Veröffentlichungen in diversen Haiku-Anthologien (2002-2005); "Das Drachenfest" unter http://petra-oellinger.at/blog/weitere-beitraege (Literaturwettbewerb "Der Duft des Doppelpunktes" 2007); bzw. in österr. Literaturzeitschriften (Cognac & Biskotten Ausgabe Nr.25, Tarantel Juli/Aug. 07); "Losgelassen" in der Anthologie schreibSPUREN 2010, 1. Preis des Literaturwettbewerbs icbm "Konflikt als Chance" 2007

Thomas Hofmann, Mag., * 1964 in Wien, daselbst Schule und Studium der Erdwissenschaften. Seit 1991 an der Geologischen Bundesanstalt. Zunächst als Geologe, dann als Pressesprecher und seit 2008 als Leiter der Bibliothek, des Archivs und des Verlages tätig. Seit 1995 intensive publizistische Tätigkeit über (geo)wissenschaftliches, regionale Themen, Sagen, zeitgenössische Kunst (Malerei, Bildhauerei). Zuletzt in der Reihe "Falters Feine Reiseführer": Das Weinviertel und das Marchfeld (3. Auflage, 2012).

Harald Jöllinger, * 1973 in Mödling; lebt in Maria Enzersdorf, schreibt Nonsens, schwarzhumorige Lyrik und Kurzprosa. Teilnehmer der Celler Schule 2007 und des Irseer Pegasus 2012. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2008 im Memoiren-Verlag Bauschke erschienen „Schlichte Gedichte“.

Johannes-Paul Kögler, *1985, Offizier, Historiker und Schriftsteller, studierte in Hamburg und Kopenhagen. Seit 2010 zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften in Deutschland, Österreich und Großbritannien, zuletzt in Der Maulkorb, Lichtungen und Luftdurchlässig. Gewann 2011 den Wettbewerb Novemberlyrik im Berliner Herbst.

Vojtech Kondrót, geb. 1940 in Bratislava, gest. 2003 ebd., slowakischer Schriftsteller und Übersetzer.

Roman Kopřiva, Dr., Germanist an der Masarykova Univerzita, Brno, wissenschaftlicher Betreuer der Österreich Bibliothek Brünn.

Beatrix Kramlovsky, * 1954 in Steyr/OÖ., lebt in Bisamberg/NÖ. Zahlreiche in- und ausländische Preise und Stipendien. Jünste Buchpublikation: Die Erde trägt ein Kleid aus Worten. Europa Verlag Zürich, 2010  www.kramlovsky.at

Wolfgang Kühn, * 1965 in Baden, lebt seit 1975 in Langenlois, seit 2004 auch in Wien. 1992 DUM – Das Ultimative Magazin (www.dum.at) mitbegründet, ebenso wie 1999 das Kulturenfestival "Literatur & Wein" (www.literaturundwein.at). Mitbegründer und Mitarbeiter (seit 2000) des Unabhängigen Literaturhauses NÖ (www.ulnoe.at). Herausgeber von Anthologien in der "Edition Aramo" (www.aramo.at ).

Joanna Lisiak, * in Polen, seit 1981 in der Schweiz, lebt in Nürensdorf/ZH. Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa (Bücher, Beiträge in Anthologien und Zeitschriften); jüngste Buchpublikationen: 2010: "Klee composé, Lyrik mit Paul Klee", Littera Autoren Verlag, 2008: "Ich streue Puderzucker", Rauhreif Verlag, 2008, Filmdrehbücher, Hörspiele. Mitglied verschiedener Berufsorganisationen, u. a. des PEN und ZSV -– Zürcher SchriftstellerInnenVerbandes.

Chiara Madarese, Mag., * 1976 in Alghero, Italien. Sie hat Literaturwissenschaften studiert und danach hat sie den Master Didattica dell'Italiano per Stranieri (Italienisch Lehre als zweite Sprache) abgeschlossen. Sie arbeitet als Bibliothekarin. Eine Leidenschaft für Literatur hat sie immer gehabt. Seit jüngster Zeit hat sie zu schreiben begonnen und „den Genuss entdeckt, sich mit den Wörtern kreativ zu vergnügen“.

Nata ad Alghero (Sardegna-Italia) nel 1976. Ha seguito studi letterari (Laurea in Lettere e Master di Didattica dell'Italiano per Stranieri) e attualmente lavora nel settore delle biblioteche. La scrittura è sempre stata in qualche modo presente, ma solo in tempi abbastanza recenti ha scoperto il piacere di scrivere e di dilettarsi con le parole in maniera creativa.

Nicole Mahal, * 1968 in Wien, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaften, Veröffentlichung von Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Autorinnen, Mitbegründerin des Labels violettsays. Buchveröffentlichung: "Ein Flügelschlag", Kurzgeschichten, Arovell Verlag 2011 (www.violettsays.at)

Matilde Michi, Mag., * 1984 in Sassari, Italien, hat Deutsch und Russisch studiert und ist 2010 nach Wien umgezogen, als sie eine Stelle als Italienisch-Sprachassistentin in St. Pölten bekommen hat. Heute arbeitet sie an Volkshochschulen und macht das Lehramtsstudium in Wien mit dem Ziel, Italienisch- und Russischlehrerin in Österreich zu werden. Literaturübersetzungen sind ihre große Leidenschaft; „Es gibt nämlich“, sagt sie, „keine tiefere Begeisterung, als die Sprachen Anderer in die Muttersprache zu übersetzen, um sie den Landsleuten zu vermitteln bzw. die Weltanschauung einer anderen Kultur dem eigenen Volk zugänglich zu machen.“

Štefan Moravčik, * 1943 in Jakubov (Záhorie), slowakischer Dichter, Prosaiker und Wortakrobat.

Martin Neid, Dr., * 1950, von Beruf Rechtsanwalt, lebt mit Frau und fünf Kindern in Wolkersdorf, Niederösterreich. Veröffentlichungen literarischer Texte in mehreren Zeitschriften, Herausgabe des Buches "Alles vorbei - Geschichten von Hintaus" im Verlag Hofer, 2007; Landessieger des Niederösterreichischen Literaturkarussells 2007, spielt auch Theater und macht seit fünf Jahren in Obersdorf das Weinkabarett.

René Oberholzer, * 1963 in St. Gallen, lebt und arbeitet seit 1987 als Sekundarlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz. Schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa. Zahlreiche Auftritte, Lesungen und Veröffentlichungen. Jüngste Buchpublikation: "Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden" (120 Geschichten) (2006), Nimrod-Literatur-Verlag in Zürich. www.reneoberholzer.ch/ 

Brigitte Pamperl, in Salzburg geboren, Studium Universität für Angewandte Kunst, Wien, 1974 Diplom mit Auszeichnung; lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich. Mitglied Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs, Künstlerhaus Wien. Seit 1990 zahlreiche Einzelausstellungen sowie Beteiligung an Ausstellungen im In- und Ausland. Kuratorische Tätigkeiten 2008 und 2010. www.brigittepapmperl-art.com  

Stanislav Pavol, * 1943 in Nemčiňany, slowakischer Dichter.

Wolfgang Ratz, Mag., * 1959 in Bilbao/Spanien, lebt als Autor, Gerichtsdolmetsch, Übersetzer und Liedermacher in Wien und südamerikanischen Ländern. Übersetzerstudium für Spanisch, Englisch und Französisch. Schreibt Lyrik, Prosa und Rezensionen; Mitglied der GAV, Gründungsmitglied der ALA und Mitglied des ÖSV. Zahlreiche Buchpublikationen und Beiträge in Zeitschriften. Erhielt für sein Werk etliche ausländische Preise.

Vladimír Reisel, geb.1919 in Brodzany, gest. 2007 in Bratislava, slowakischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer.

Elfie Resch, * 1948,  Feministin, im Unruhestand. Aufgewachsen in Tribuswinkel, NÖ. Ausgewandert ins Burgenland, lebt in Wien. Schreibt seit den 80gern zum eigenen Vergnügen.  Artikel, Alltagsgeschichten und Sozialreportagen in Stimme der Frau, <sic>, AUF-einefrauenzeitschrift, Malmö abgedruckt. Seit März 2010 in der Gruppe "Neue Autorinnen"

Dominik Riedo, * 1974 in Luzern, lebt und arbeitet als Schriftsteller in Romoos/LU. Mehrere Buchveröffentlichungen. Verschiedene Auszeichnungen, europaweite Auftritte. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Lehrte 2004-2006 an der Universität Zürich. Mitglied im AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz) sowie im P.E.N. Jüngste Publikationen: Das Carl Spitteler-Lesebuch "Unser Schweizer Standpunkt", Auswahl und Anhang inklusive Nachwort zu Leben und Werk von Dominik Riedo. (2009); Kulturminister der Schweiz 2007-2009: "Baustelle Kultur / Texte über Kunst und Politik" (2010). http://www.dominikriedo.ch

Artur Rosenstern, * 1968 als Sohn deutsch-russischer Eltern im Süden Kasachstans. Nach dem Wehrdienst studierte er Musik an der Hochschule der Künste und arbeitete parallel als Orchestermusiker im Staatszirkus der Stadt Bischkek (Kirgistan). Im Jahr 1990 übersiedelte er nach Deutschland und betätigte sich zunächst als Privatmusiklehrer und Übersetzer. Neben der Arbeit absolvierte er ferner ein Magisterstudium der Medien-, Musikwissenschaft und Mittelalterlichen Geschichte. Danach war er als wiss. Mitarbeiter für ein Musikeditionsprojekt an der Universität Paderborn sowie freiberuflich für bekannte Musikverlage und Labels tätig. Er schreibt Erzählungen und Gedichte in deutscher Sprache und lebt in Herford. Nach einigen kleineren Veröffentlichungen in Anthologien erschien im Januar 2012 sein erstes Buch „Planet Germania“ (rezensiert unter anderem vom Bayerischen Rundfunk beim B5 aktuell, am 18. März 2012)

Kay Lynn Rudolph, * 1954 in Hell’s Kitchen (Manhattan, NY). Germanistikstudium. Später in deutschen Sprachräumen unterwegs. Sozialpädagogische, journalistische und literarische Arbeiten in Englisch und Deutsch, Veröffentlichungen in Zeitschriften und anderen Publikationen. Zurzeit wohnhaft in Graz.

Milan Rúfus, geb.1928 in Závažná Poruba, gest. 2009 in Bratislava, berühmtester slowakischer Dichter.

Sabina Sagmeister, * 1960, widmete ich mein Sprachstudium in Chicago ganz dem Schreiben und lebe nun mit meiner Familie in Wien, wo ich als freiberufliche Autorin tätig bin. Veröffentlichte lyrische Arbeiten in vielen Zeitshriften und Anthologien, erhielt für ihre Mundartdichtung 2006 und 2010 Preise und brachtde 2008 ihr Jugendbuch „Leo Pold und Lysira oder Das Geheimnis der blauen Lichtung“ heraus, das seit 2009 auch als e-Book erhältlich ist (SSE-Verlag, Div. Last & Co Wien).

www.sabina-sagmeister.com

Karin Seidner, Mag., * 1963 in Wien, wo sie auch als vierfache Mutter lebt und als Germanistin und Anglistin sowie Leiterin von kreativen Schreibworkshops und als Psychotherapeutin arbeitet. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien; 2003 Gewinnerin des Siemens-Literaturpreises und des Preises beim Stauffacher Lyrik-Wettbewerb Bern.

Rudolf Sloboda, geb. 1938 in Devínska Nová Ves, gest. 1995 ebd. (Záhorie), slowakischer Schriftsteller.

Thomas Soxberger, Mag., * 1965, lebt in Wien. Studierte Judaistik in Wien und Yiddish Studies in London. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Wiener jiddische Literaturszene der Zwischenkriegszeit. Neben Publikationen dazu hat er unter anderem auch Übersetzungen jiddischer Literatur veröffentlicht. Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt er jiddische Lyrik und Kurzprosa, die in Anthologien und Literaturzeitschriften publiziert wurden.

Helena Stanek-Neuwirth, Mag., * 1970 Sokolov, studierte Sozialanthropologie und Sinologie in Wien und in China. Arbeitete zwei Jahre bei der UNESCO in Bangkok als Consultant. Seit drei Jahren ist sie freiberuflich als Übersetzerin in Wien tätig.

František Sysel, * 1953 in Šumperku, Tschechien; Fotograf und Restaurator für Papier, Bücher & Fotografie.Lebt in Vr(esovice, okr. Proste(jov František Sysel, * 1953 in Šumperku, Tschechien; Fotograf und Restaurator für Papier, Bücher & Fotografie.Lebt in Vřesovice, okr. Prostějov  

Susana Szwarc, * 1952 in Quitilipi, in der argentinischen Provinz El Chaco. Sie hat folgende Werke publiziert: El artista del sueño y otros cuentos (‘Der Traumkünstler und andere Erzählungen’, 1981); En lo separado (‘Im Getrennten’, Gedichte, 1988), Trenzas (‘Zöpfe’, Roman, 1991), Bailen las estepas (‘Steppentänze’, Gedichte, 1999), Bárbara dice (‘Barbara sagt’, Gedichte 2004), dazu Kinderliteratur und Thetaerstücke, etwa Paisaje después de los trenes (‘Landschaft nach Zügen’, 1985). Susana Szwarc schreibt außerdem für eine Reihe namhafter Zeitungen, unter denen sich La Nación, Clarín und Zihender Stern befinden. Die Autorin hat zahlreiche Stipendien und Preise erhalten, u.a. den Cortázar-Preis. Demnächst erscheint Susana Szwarc’ neuer Erzählband "El aire justo"

Gerlinde Tesche, Mag. Dr., * 1938 in Halle an der Saale, 1951 flucht mit Mutter und Geschwistern nach Westdeutschland. Studium der Slawistik (russische, serbokroatische und slowakische Literatur - und Sprachwissenschaft), Germanistik und Osteuropageschichte in Köln und Berlin. Studienabschlüsse als Magister Artium sowie Promotion zum Dr.phil in Köln. Seit 1974 in Zürich. Lektorin, Korrektorin und Übersetzerin russischer Literatur vor allem für den Diogenes Verlag Zürich unter dem Pseudonym G. von Halle (u.a. Alexander Sinowjew, Gähnende Höhen, Zürich 1981; Homo sovieticus, Zürich 1984). Seit 2002 Übersetzungen zeitgenössischer Prosa und Lyrik diverser Autoren in Anthologien und literarischen Zeitschriften in der Slowakei, in Österreich und Deutschland. Zweisprachige Einzelausgaben: Marian Hatala, Aphorismen, Bratislava 2006; Josef Leikert, Gedichte, St.Pölten/Wien 2008 u.a. Lebt in Zürich und bei Bratislava (Slowakei).

Andreas Tiefenbacher, * 1961 in  Bad-Ischl, lebt nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie als Literaturkritiker, Autor, Sozialpädagoge und Betriebsratsvorsitzender in Bad-Goisern, Traismauer und Wien. Er ist Begründer der Anti-Heimatparodie, Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und erhielt unter anderem die Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich 1996, den Ernst Koref-Preis 2005 und das Mira Lobe-Stipendium 2008. Bücher: Der Möchtler, Roman, Graz/Wien/Köln 1995; Herzkot, Roman, Graz/Wien/Köln 1997; Christbaumcrash, Roman, Klagenfurt - Wien 2012

Barbara Unger-Wiplinger, geboren 1957 in Haslach an der Mühl, Oberösterreich, lebt und arbeitet in Wien .Dramaturgin, Autorin, Bildtexttoncollageurin. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin und Wien. Diplom. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2011 in „Die Zuckerlfabrik im Schulbankfach“ hg. v. Christine Werner, Arovell Verlag. 2008 in „Kurare Fatal“ hg. v. Claudia Udenta, Berlin. 2004 in „Die Rampe. Dramolette Einakter. 2004, 2009 in „Welt der Frau“. Videoarbeiten mit Carla Degenhardt. 2004: „Heimat ist dort, wo mein Bett steht“. 2005: Ein wirkliches Leben hinter dem Balkon oder ein Abseilen von Romeo und Julia.

Natascha Vittorelli, Dr., *1973 in Wien, zweisprachig aufgewachsen. Studium der Geschichte und südslawischer Sprachen und Literaturen in Wien und Barcelona. Lebt als Historikerin und Psychotherapeutin in Wien.

Edeltraud Wiesmayr, * 1954 in Vöcklabruck, verheiratet, 3 Kinder,

Hauptschullehrerin für Englisch und Musikerziehung in Vöcklabruck. Publikationen: im ORF, in Anthologien und Literaturzeitschriften; zuletzt: Anthologien German Underground Lyrics, Frauenhände sprechen Bände, "Fieber" 2010, Forum Land, Facetten 2010 ,  Bibliothek deutschsprachiger Gedichte 2010, 2011 u.a., Geschichten, die die Schule schreibt, 2011, Facetten 2011, Bananenblatt Dez.2011 u.v.m. Bücher: "Im Tafelbild- Literatur zur Schule" Resistenz Verlag,1999; "Mutter.Täglich", Resistenz Verlag 2001; "Es war einmal und immer wieder" Gedichte und Texte zur Weihnachtszeit, edition innsalz 2003. Diverse Preise, u.a. Hermes Kurzprosapreis, Wandlpreis, Christine-Busta-Lyrikpreis.

Peter Paul Wiplinger, * 1939, Autor, Lyriker, Fotograf. Zahlreiche Buchpublikattonen und Beiträge in Anthologien sowie Zeitschriften, viele Übersetzungen in über 20 Sprachen. Lebt in Wien. www.wiplinger.at.tf

Louis Christian Wolff, * 1958 in Berlin, Lehrer. Lebt in Berlin und Wien. Onlineprojekt 2004 in www.zitig.net/; 2010 in www.clyt.de/

Martin Zehr, Dr., * 1950, is a clinical psychologist who lives and works in Kansas City, Missouri. 

 

Ausgrabungen:

 

Max Herrmann-Neiße (23.5.1886-8.4.1941), war ein deutscher Schriftsteller. Emigrierte 1933 nach England und ließ sich in London nieder, wo er den deutschen Exil-PEN gemeinsam mit Lion Feuchtwanger, Rudolf Olden und Ernst Toller gründete. 

James Joyce (2.2.1882-13.1.1941), war ein irischer Schriftsteller. Er gilt als Hauptvertreter der Moderne und wurde mit seinen Werken „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ weltberühmt.

Friedrich Wilhelm Wagner (16.8.1892-22.6.1931), war ein deutscher Schriftsteller des Expressionismus.

 

 

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Fotografie von František Sysel


 


 

 

Anregungen - Notizen:

Heimat ist ein vieldeutiger Begriff, der in Österreich und Deutschland durch die Nazizeit korrumpiert worden ist, weshalb dort sein Gebrauch, seine Bedeutung, in Verruf geraten sind, was sich kulturell schlimm auswirkte, weil sich kritisch Dünkende gegen alles was mit Heimat oder heimatlich zu tun hat, opponierten, als ob es etwas Negatives, Unanständiges wäre.

Was ist Heimat - Jasmin Gross:

 

Während in anderen Ländern, insbesondere den USA, deren Populärkultur mit ihrem Heimatverständnis die Welt überspülte, niemand mit lokalem, regionalem oder nationalem Bezug und Mythenpflege Probleme hatte und hat, wurde und wird in Deutschland und Österreich das Meiste unter Verdacht gestellt. Es herrscht hier keine Souveränität und keine Freiheit, neben den Heimattümlern, Deutschtümlern durchaus einen positiven Heimatbegriff zu pflegen. Man überließ das Feld sozusagen den „Reaktionären“ oder Konservativen. Erst langsam ändert sich das mit den nachkommenden Generationen. Entsprechend dieser Problematik fand das gestörte Heimatverhältnis seinen Ausdruck in der Kultur, Literatur, Film und Musik.

Betrachtet man die literarische Produktion seit dem 2. Weltkrieg, scheint eine zum vorigen Gebot der Heimattreue nach der engen Definition der Nazis gegenübergesetzte „Verpflichtung“, ein gewisser Auftrag zu herrschen, sich nur negativ oder besonders kritisch mit der Heimat abzugeben. Das Lager war von vornherein geteilt in Heimatkitsch, verdächtige Pseudoheimatpflege einerseits, und kritische, meist ablehnende Behandlung der Heimatthemen andererseits.

Der Schweizer Autor Max Frisch hatte ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zu seiner Heimat. Aber vor einem ganz anderen Hintergrund als seine Kollegen in Deutschland oder der Schweiz. Deshalb eignete er sich gut als Beispiel, Vorbild oder Partner in der kontroversiellen Heimatdebatte. Aufsehen erregte seine Rede „Die Schweiz als Heimat?“, die er als Dankesrede zur Verleihung des schweizerischen Grossen Schillerpreises 1974 hielt.

 

 

 
 

Nach der „Wende“ wurde mit den „neuen Bundesländern“ der ehemaligen DDR in Deutschland das Heimatthema neuerlich aktuell, weil sich alte, teils entgegengesetzte Bezugswerte geändert hatten.

Heimat geteilt. Grenzwege der Heimat. Die Heimattraumata hüben und drüben. Schreibseminare um die Heimat zurück zu erobern. Zum Beispiel die Autorin Grit Hübener: Heimat - im Innen oder im Außen?

Herbert Grönemeyer - Heimat:

 

 

Im Nachruf auf den aus der DDR stammenden Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt Uwe Wittstock in der Welt vom 3.6.2007 unter dem Titel „Seine Heimat konnte er nie hinter sich lassen“:

 

„Wolfgang Hilbig wirkte zeitlebens wie ein Fremder, wie einer, der aus seiner Epoche und ihren sozialen Ordnungen gefallen ist. Er war als Lyriker und Erzähler ein Avantgardist in einer Zeit, in der die Garde längst anderen Vordenkern folgte. Er war ein mit hohen und höchsten Auszeichnungen überhäufter Autor, der dennoch nie populär wurde. Er war das Kind einer Bergmannsfamilie, das nur acht Volksschulklassen hatte besuchen dürfen, und das nie heimisch wurde im Milieu der Literaten und Intellektuellen, in das es ihn verschlug. Und er war in der DDR zum Schriftsteller geworden, deren Kulturfunktionäre ihn nach Kräften ignorierten oder schikanierten, bis er 1985 in der Bundesrepublik übersiedelte – doch konnte er seine Geburtsstadt Meuselwitz bei Leipzig nie hinter sich lassen.“

 

In der globalisierten bzw. sich weiter globalisierenden Welt gewinnt Heimat einen neuen Stellenwert. „Fremde Heimat“, „Heimat in der Fremde“, Ersatzheimaten und vieles mehr, gewinnen an Gewicht. Vieles ist dabei nicht neu, aber wird neu bewusst, z. B., dass Heimat nicht nur fixer, geografischer Bezug sein muss, dass man auch in Kulturen (Sprachen!) Heimat finden kann. Heimat wird einerseits verstärkt zu einem wählbaren Bezugsbegriff, dem allerdings, wie früher, die „Gebundenen“ gegenüber stehen, die nirgends woanders Heimat finden können oder wollen, auch wenn sie aus ihrer Heimat, freiwillig oder gezwungen, auswandern. Dann verlangen sie sogar, dass ihre Leichen in ihrer wahren Heimat beerdigt werden. Der Widerspruch an Basiswerten, der damit belegt ist, wird aber tabuisiert.

 

Geog Danzer - Heimat:

 

„Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfremdung vom Heimiscshen geht immer durch die Sprache am schnellsten und leichtesten, wenn auch am leisesten vor sich.“
Wilhelm von Humboldt 1827 (Briefe an eine Freundin)

Sprache, und die Kultur, der sie eignet, aus der sie stammt und in welcher sie lebt, war auch ein Dauerthema des österreichischen Dichters Hugo von Hofmannsthal, nicht zuletzt in seiner Rede vom 10.1.1927 an der Universität München, „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“. 

 

Welche Sprache bietet Heimat? Das ist nicht so eindeutig und klar, wie es scheint. Die erste Muttersprache, der Dialekt, oder die zweite, die Hochsprache, das nationale Idiom? Das hat mit gesellschaftlichem Umfeld, der Klasse zu tun.

Der Dialekt ist beschränkt. Räumlich und, fast möchte man ketzerisch sagen, ohne ihn eigentlich abwerten zu wollen, geistig. Er ist und bleibt lokal. In unseren Tagen schwindet die Bedeutung des Dialekts, mit Ausnahme der deutschen Schweiz, dahin, weil für sein Gedeihen eine gewisse Abgegrenztheit nötig ist, ein lokales Gruppenübereinkommen für die gemeinsame Sprachpflege. Je stärker dieses Gemeinschaftliche schwindet (wegen der Mobilität und gesteigerten Individualität, auch wenn diese eine Selbsttäuschung sein mag), desto geringere Chancen für den Dialekt. Dialektpflege hat etwas Sektiererisches, wie Brauchtumspflege ohne gelebtes Brauchtum: es wird museal. Könnte der Dialekt auch in einer pluralistischen, mobilen, beschleunigten Gesellschaft sich halten? Vermutlich nicht; was bleibt, ist die Färbung der Umgangssprache.

Wer erlangt in der Hochsprache Heimat? Viele nicht. Was bedeutet das? Eine kulturelle Schwächung: das eine nicht mehr habend, das andere nie erlangend, ein nicht erstarktes Wesen, so recht abhängig und zugänglich den Betreuungsvorrichtungen unserer Zeit. Solche Personen werden sicher froh sein, in einer Art Allerweltssprache zu verkehren, sich zu vernetzen und möglichst viel „online“ zu kommunizieren, wo, bei Verdacht oder Bedarf, nicht selbst gedacht, nachgedacht werden muss, sondern abgerufen werden kann, auch sprachlich...

Was heißt also daheim sein, zu Hause sein, Heimat haben? Kann man seine Heimat innerlich mit sich nehmen? Oder ist die Heimat an den Ort fixiert? Verwurzelt sich der Mensch mit Blut und Boden?

"Der Mensch schlägt in der Erde keine Wurzeln; er ist mit dem Boden nicht verwachsen. Der Mensch ist kein Feld, keine Wiese, kein Vieh; daher wird er auch nie Eigentum sein können. Der Mensch hat die inneren Empfindung dieser heiligen Wahrheiten; daher wird man ihn nicht davon überzeugen können, daß seine Herren das Recht haben, ihn an die Scholle zu ketten."
Mirabeau, 1791 in der Nationalversammlung

Es gab und gibt Zeiten und Menschen, die nicht auf Heimat stolz waren, sondern Heimatlosigkeit. Nicht nur Nomaden, Fahrende, Wandernde, haben eine nicht örtlich fixierte Heimat; sie verstehen Heimat anders als der verwurzelte Sesshafte.

In seinem Aphorismus „Wir Heimatlosen“ (voller Text weiter unten) schreibt Nietzsche:

Es fehlt unter den Europäern von heute nicht an solchen, die ein Recht haben, sich in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose zu nennen - ihnen gerade sei meine geheime Weisheit und gaya scienza ausdrücklich ans Herz gelegt! Denn ihr Los ist hart, ihre Hoffnung ungewiß, es ist ein Kunststück, ihnen einen Trost zu erfinden - aber was hilft es! Wir Kinder der Zukunft, wie vermöchten wir in diesem Heute zu Hause zu sein! Wir sind allen Idealen abgünstig, auf welche hin einer sich sogar in dieser zerbrechlichen, zerbrochenen Übergangszeit noch heimisch fühlen könnte; was aber deren »Realitäten« betrifft, so glauben wir nicht daran, daß sie Dauer haben. Das Eis, das heute noch trägt, ist schon sehr dünn geworden: der Tauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind etwas, das Eis und andre allzudünne »Realitäten« aufbricht...

Bemerkenswert, wie er Heimatlosigkeit mit Zukunftsorientierung einerseits verbindet und der Erkenntnis, dass man „in diesem Heute“ NICHT zu Hause sein kann, was an den Satz von Adorno erinnert, dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe.

Nietzsche, der Freidenker, wusste aber auch: „Aus der Ferne und im Auslande sieht man die Dinge der Heimat nicht gerade schwarz oder weiß, aber gewiß nicht so bunt als sie wirklich sind: man vereinfacht die Farben.“ Hier also ermöglicht der direkte Heimatbezug Vielfalt, Buntheit, Farbigkeit. Andererseits wird der Blick von außen nicht einfach „richtiger“ oder klarer, sondern nur anders (eine Überlegung für die interkulturelle Kommunikation).

Vor einigen Jahren war in der Neuen Zürcher Zeitung eine Artikelfolge zum Thema „Heimat“ zu lesen (NZZ 27.8.2005). Im Einleitungsbeitrag „Trauerbeit“ stand zu Beginn:

 

Von Heimat reden wir, wenn sie uns fehlt. Sie ist so gesehen immer Vergangenheit. Kindlich-neugierige Welterfahrung, heile Beziehungen, Harmonie zwischen Mensch und Natur - das erscheint im Rückblick als ihre Essenz, wenn wir verpflanzt worden sind in die raueren Gefilde des Erwachsenseins. In ein Berufsleben, das Schwächen nicht mit biografischen Wechselfällen entschuldigt, in dem einzig die Leistung im Heute zählt.

Der Schlussabsatz des kurzen Artikels liest sich so:

Heimat ist im Idealfall ein in der Erinnerung konserviertes Bild, eine Ressource auch, die sich von der Vergewisserung der Wurzeln nährt. Reminiszenzen der Herkunft werden gern in eine zukunftssüchtige Gegenwart transportiert. Über solche Relikte zwischen Folklore und Kitsch mag man sich mokieren, man kann aber auch würdigen, dass sie Kohärenz zwischen dem Gestern und dem Heute nicht nur versprechen, sondern mitunter tatsächlich schaffen.

Der Boden, die Verwurzelung gilt also immer noch stark. Doch gewisse Reservierungen und  Anzweifelungen sind nicht zu überhören.

 

Heimatlosigkeit wird als bedingtes Schicksal von Emigranten und Flüchtlingen gesehen. Aber das unterstellt, dass sie anderen Heimat hätten, dort, wo sie sind, heimisch wären. Das gilt jedoch nicht unbedingt. Viele leben daheim und sind nicht heimisch, fühlen sich nicht wohl, sondern fremd.

 

Heimat bleibt also widersprüchlich.

Was bedeutet Heimat für dich Sie:

 


 


Heimat wird sogar als negatives Gegenteil von Weltläufigkeit gesehen: der Moderne braucht keine Heimat, er lebt „in der Welt“, ist ein wurzelloser Kosmopolit. In der Kontroverse um Heidegger wird dessen Heimatlichkeit angegriffen:

„Heideggers Heimatverbundenheit hat schon so manchen Leser irritiert. Was soll man von einer Philosophie halten, die dann erst klar und stark wird, wenn der Schneesturm um die Ecken der Todtnauberger Hütte pfeift? Hans Blumenberg hielt nicht allzu viel davon; es könne, wenn sich die Beispiele eines Philosophen auf Haus und Hof, Berg und Wald, Hörsaal und Schreibzeug, und nur im Ausnahmefall auf einen im Hörsaal halluzinierten Elefanten beziehen, mit der Welthaltigkeit dieser Philosophie nicht allzu weit her sein. Adorno dagegen sah in Heideggers Heimattümelei eine Verbindung zu seinem politischen Engagement, die Verklärung des Schwarzwaldes und des deutschen Bauerntums als "Blubo-Reklame". Und Jean Améry stellte nüchtern fest, dass sich Heideggers Deutschland auf den Schwarzwald reduziere; vom Ruhrgebiet wisse er gar nichts. Wenn Heidegger an Deutschland denke, denke er schlicht an Deutschland vorbei.“
Stefan Degenkolbe: Der Heimatphilosoph aus dem badischen Geniewinkel. Alfred Denker und Elsbeth Büchin über Heideggers Verhältnis zur Heimat. Rezension in literaturkritik.de, Oktober 2005

Der eine klebt zu fest an seiner Heimat, der andere wird als borniert gesehen, weil er zu heimatbezogen scheint. Das Problem beschäftigte die Öffentlichkeit eine zeitlang intensiv. Braucht man in der globalisierten Welt überhaupt Heimat?

Wie viel Heimat braucht der Mensch?
Migranten, Vertriebene und Ostdeutsche im Blickfeld der Psychologie
Regine Igel, Neue Zürcher Zeitung, 27.8.2005

 

„Ob Weltbürger, Europäer oder Provinzler - der Mensch braucht Heimat. Das stellen Psychologen bei ihrer Beobachtung seelischer Prozesse bei Migranten, Heimatvertriebenen oder auch Ostdeutschen heute gehäuft fest. Und sie rufen etwas in Erinnerung, das im öffentlichen Diskurs und in der Politik - zumal der linken - gerne ausgeblendet wird: das grundlegende Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Sicherheit. Traditionell werden diese Bedürfnisse von rechts aufgenommen und kräftig missbraucht. Doch legitimiert dieser Missbrauch ihre Missachtung?“

 

Aber man muss nicht Emigrant sein, um die Heimatlosigkeit zu erfahren. Da laufen zu automatische Zuordnungen. “Wenn du all das verlässt, was zu dir gehört, verlässt du fast dich selbst.” Was hat denn jemandem GEHÖRT? Und was wäre der Preis gewesen zu bleiben in und bei dem, was zu einem gehörte? Verfolgung, gar Tod? Ist da die Fremde nicht besser? Offensichtlich, sonst würde man nicht in sie flüchten. Mit der Hoffnung, dass sie nicht fremd bleibe.

Ähnlich wie Heidegger als Heimatbeschränkter abgetan wird, werden viele „Heimatdichter“ als niedlich, falsch-idyllisch, obsolet, harmlos und dergleichen beiseite geschoben. Das geschieht auch Johann Peter Hebel, von dem aber Beherzte behaupten, er sei weder harmlos noch nichtssagend, sondern sinnreich und vielgestaltig:


Ein universalistischer Heimatdichter
Thomas Schmid 8. Mai 2010, Welt Online
Er war ein Meister der Beobachtung und einer weiser Menschenfreund - Zum 250. Geburtstag Johann Peter Hebels

Viel zu lange galt er als harmlos. Und wer seine Geschichten einst im Lesebuch vorgesetzt bekam, der konnte in der Tat den Eindruck gewinnen, bei Johann Peter Hebel handle es sich um einen biederen Schnurrenerzähler, einen geistigen Flachlandbewohner. Im flachen Land, genauer: dem badischen Ober- und Unterland, spielten ja die meisten seiner für den "Rheinländischen Hausfreund" geschriebenen Kalendergeschichten. Die kleinen Leute stellten das Gros des Personals, und wo große vorkamen, waren auch sie klein. Am Ende folgt oft eine Moral der Geschicht', als paternalistische Wegzehrung für den Alltag zwischen Reben, Wirtshäusern und kleinen Handwerksbetrieben. Wer so urteilt, tut Johann Peter Hebel Unrecht. Denn dieser ist einer der größten Prosaschriftsteller deutscher Sprache. Er hat das Deutsch Luthers ins 19. Jahrhundert gerettet und bis in unseres weiter gereicht. Harmlos ist er ganz und gar nicht. Man kann das an bösen, blutigen Geschichten ohne gnädiges Ende sehen, etwa der Geschichte über ein gräuliches Verbrechen, das ein Metzgershund ans Tageslicht gebracht hat.

 

Lolita - Seemann deine Heimat;

 

In der von Iso Carmatin herausgegebenen Broschüre "Heimat" der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung (Zürich 2007) heißt es:

 

"Manchmal glaubte auch Herr Casparis, im eigenen Land umgeben zu sein von kleinen, eigensüchtigen, engstirnigen Patrioten, die ihn zur Auswanderung trieben. Das Deprimierende ist, man kommt mit diesen Leuten nicht vom Fleck, nichts tut sich, alles dreht sich im Kreis, dasselbe Elend schleppt sich von einem Tag zum anderen. Glück und Wahrheit, Echtheit und Lebendigkeit sind nur ausserhalb des Lebens angesiedelt, das man kennt und führt. Das musste doch zu schrecklicher Gleichgültigkeit gegenüber der Heimat führen. Warum war er oft im Vertrauten so gelähmt, so lustlos, fragte sich Herr Casparis. Woher sollte Erlösung von diesem Ewiggleichen kommen, dem man nicht ausweichen konnte? Wann endlich war man fähig, Entschlüsse zu fassen und etwas zu ändern? War die Heimat für die Einheimischen doch jenes Gefängnis, in das sie sich selbst eingeliefert und verwahrt hatten?2

"War Heimat also doch mehr die Frage nach dem Wohin als jene nach dem Woher? Wenn jemand die grossen Romantiker fragte: "Wo wollen wir hin? ", so antworteten sie: "Nach Hause."   Es sagten dies nicht die Rückwärtsorientierten, sondern die Visionäre unter ihnen.

Man muss sich seine Heimat auch ein bisschen selbst einrichten. Das schien Herrn Casparis wichtig. Man braucht ja keine Musterheimat. Eine unfertige war möglicherweise sogar wichtiger. Nur frieren sollte man nicht zu sehr in der Heimat."

 

Broilers feat Volxsturm:

 

Heimat ist in aller Munde. In der verkitschten Volksmusik, in den Schlagern oder in der Popmusik, in den zögerlichen Antworten auf der Straße Befragter, in den Fachartikeln professioneller Sinndeuter, Therapeuten, Soziologen und Filosofen. Dass der Heimatbegriff sich verdünnt hat, an Tiefe oder Klarheit verlor, korrespondiert bzw. resultiert aus der Werteschwäche, die wir nicht nur im Westen erkennen können.

 

"Die Fremdheit - in der Gesellschaft, in der Zeit, in der Welt - war denn auch ein Grundmotiv des Denkens des E. M. Cioran. Zuhause und fremd zugleich fühlte er sich in der Religion: Die Kirche war ihm fremd, die mystische Ekstase faszinierte ihn."

So spricht Cornelius Hell über Emile Cioran in der Sendung "Das philosophische Radio" vom 8.4.2011 im WDR5

 

Friedrich Hölderlin

Die Heimat (2. Fassung) 

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat;
So käm auch ich zur Heimat, hätt ich
Güter so viele, wie Leid, geerntet.

Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst,

Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,

Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel,
Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah,
Dort bin ich bald; euch, traute Berge,
Die mich behüteten einst, der Heimat

Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus
Und liebender Geschwister Umarmungen
Begrüß ich bald und ihr umschließt mich,
Daß, wie in Banden, das Herz mir heile,

Ihr treugebliebnen! aber ich weiß, ich weiß,
Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht,
Dies singt kein Wiegensang, den tröstend
Sterbliche singen, mir aus dem Busen.

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Leid uns auch,
Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde
Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

 

Friedrich Hölderlin „Die Heimat", Rezitation: Christian Brückner

 

Kein Mensch wird "heimisch" in die Welt geboren. Als Erstes erfährt er Fremdheit. Über den langwierigen, schmerzvollen Prozess der Sozialisiation findet er zu sich, als Gemeinwesen integriert in die Umwelt, die seine Welt wird. Der Reifuungsprozess kann als Weg der Heimatwerdung gesehen werden. Der Mensch braucht lange, bis er "daheim" ist, heimisch. Auch seine eigene Persönlichkeit muss ich entwickeln. Der Menscvh wird, was er ist. Siigmund Freud bemerkte in seiner XXXI. Vorlesung: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit: "das Verdrängte ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland, so wie die Realität - gestatten Sie den ungewohnten Ausdruck - äußeres Ausland ist." 

Danach liegt die Realität außen, draußen, während das Innere ein inneres Ausland ist, eine spezifische, andere Realität. Heimat bedingt ein fremdes Gegenüber, ähnlich, wie das Individuum sich von anderen kontrastieren muss. Der Identitätsbegriff wäre ohne Grenze bzw. Abgenzung widersinnig und unmöglich. Deshalb greifen auch allgemeine Forderungen nach einer einzigen Heimat für alle Menschen zu weit, widersprechen sich, sind irrig: Wenn alles Heimat bildetete oder bilden könnte, wären der Begriff und die Sache untauglich, nichtssagend, verschwommen, weil diffus und ohne Charakter. 

Wenn Gutmenschler heute in ihrem verkürztem Denken eine neue Heimatlosigkeit zugunsten einer weltumfassenden Allheit fordern, sprechen sie sich gegen die Person, die Persönlichkeit, das Heimische aus zugunsten einer entpersönlichten Welt. Das Entpersönlichte bzw. Unpersönliche aber ist das Inhumane. 

"Unsere Literaturen sind Kinder von Babel. Die letzliche Unübersetzbarkeit eines poetischen oder philosophischen Textes verkündet den genius loci, den jede einzelne Sprache verinnerlicht hat."George Steiner (Errata)

Dieser "genius loci" ist die Heimat, die sprachliche. Heimat zu verweigern, sie abzuwerten oder zurückzuweisen, weil gewisse frühere Rekurse auf sie flasch und böse waren, heißt, ein Unrecht weiterführen, sich diktatorisch, terroristisch gegen ein Grundrecht wenden: Heimat, Identifikation verweigern. Das wird nicht annehmbarer, wenn es im Lichte vermeintlicher Weltoffenheit bzw. Kritik an "Blut und Boden" geschieht. Es zeugt von einer fatalen Blindheit oder Verblendung. Es stellt ein Denkverbot dar, wie ein Sprech- und Sprachverbot. 

 

Heimat im realkommunistischen Zusammenhang:

Eine Spiegel-Seite für Johannes R. Becher
Statt einer Biographie
Der Spiegel, 6.12.1947

Zu Becher und diesem Gedicht von ihm schreibt Reinhard Müller, Herausgeber der Dokumentensammlung "Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung" (Reinbek, Rowohlt 1991) in der Einleitung:

"In den mehrmals bereinigten schriftlichen Nachlässen der Autoren läßt sich kaum ausmachen, wann und wieweit Verdrängung in Selbstreflexion umschlägt. Die lebensnotwendige Schutzhülle wurde öffentlich allenfalls in überzeitlicher Gedichtform durchbrochen. Becher bilanziert in dem späten Gedich "Mein Leben" zwar seine 'höllische' und zerrissene Existenz, erlebt aber dann seine 'Wandlung' und sein 'Auferstehen' als naturwüchsiges Ergebnis:"

Mein Leben
(Gedicht abgeruckt im Artikel des Spiegels, weiter oben angeführt).

"Auch Bechers Moskauer Duetschland-Dichtung ist nicht allein Reflex auf die nationale Volte der offiziellen KPD-Politik, er beschwört damit das 'heimlich Reich' auch als 'Heimat' eines 'authentischen Daseins'."

 

Heimat
Jugenddrehbuchwerkstaatt "Heimat"
Video über ein Schülerprojekt von Thomas Frick (Regisseur), Hans-Georg Struck (Drehbuchautor) und Helmut Spehring 

 

Heimat in der Sprache - Begriffe, Definitionen, Literatur
Zusammenfassung von Volkmar Gimpel, 09.12.2000
Gemeinsam Lernen

 

Der Heimatroman - ein besonderes Genre. Eintrag Wikipedia

 

Heimat
Planet Wissen, 1.6.2009

 

Literatur als Heimat
Über das Ankommen in einer anderen Sprache
Paulina Schulz, 01.05.2010, kulturama.org


Bewältigungsinstrument Anti-Heimatliteratur
« Anti-Heimatliteratur » et travail de mémoire
Ingeborg Rabenstein-Michel, GEREMANICA 42/2008

 

Heimat, Region, Nation
Annette Kliewer, mediaculture online , Medienpädagogik und Medienkultur

 

Die Rückkehr der Heimat in die Literatur
Goethe Institut Hongkong
Text: Christopher Schmidt, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, München
Dezember 2011 

 

Theorien und Probleme regionaler Literaturgeschichtsschreibung - Projektbeschreibung,

Roger Vorderegger, Uni Innsbruck

 



Nachtrag:

Wie sehr der Heimatbegrief in Deutschland und Österreich kompromitiert ist, zeigt eine kuzre Meldung aus der Popkultur:

Die Jazzkantine will Heimat nicht den Rechten überlassen

Die Braunschweiger und 1993 formierte, Jazz-Rap-Band spielt nun Volkslieder. Schräg, jazzig und selbstverständlich kritisch. „Die Gedanken sind frei“ überrascht mit jamaikanischer Blues-Beat-Anmutung.

Samir H. Köck, DIE PRESSE, 27.3.2012

Während in anderen Ländern niemand verlangt, dass man nur kritisch politisch korrekt sich mit "Heimat" befasse, gilt hierzulande und in Deutschland dies als Vorbedingung und Legitimation. Dass diese Kritik dann aber halt mcht vor dem kritischen Blick gerade der jamaikaniscshen Musik, die sich durch infame Hetze gegen Minderheiten, insbesondere Homosexuelle, hervortut, darf verwundern. 

 

Heimat in der Literatur - Aus weiter Ferne, so nah

Nicht nur in der Literatur spielt die Heimat wieder eine Rolle. Nicht die Hauptstadt, sondern die Provinz wird erkundet: über die Rückkehr eines lange gemiedenen Worts und eines Gefühls.

Sandra Kegel, FAZ, 07.04.2012